Resonance (Widerhall)

von Dasha K. (dashak@visi.com)

 

Deutsche Übersetzung von DanaK35 (DanaK35@excite.com)

 

 

Die Geigen schlagen die bekannten Töne von "Freude schöner Götterfunken" an und er dreht sich um, um seine Braut zu betrachten. Langsam geht sie den weißen Teppich entlang, einen einfachen Lilienstrauß in den Händen. Er bewundert die Leichtigkeit ihres Ganges, die königliche Pose, die sie so viel größer erscheinen lässt, als sie ist. Sie schaut geradeaus, mit ernsten Augen und einem kleinen Lächeln auf den Lippen.

 

 

Die Braut geht alleine den Gang entlang. Ihr Vater ist schon seit mehreren Jahren tot und sie wollte niemand anderen. "Ich bin keine verlegene zwanzigjährige mehr," hatte sie gesagt, als sie das erste Mal Hochzeitspläne geschmiedet hatten. "Einer meiner Brüder könnte es tun, aber ich möchte lieber alleine gehen. Ich möchte alleine, als unabhängige Frau zu dir kommen."

 

Sie ist bei ihm und sein Herz schlägt heftig unter der Seide seines Smokings. Graziös gibt sie ihre Blumen ihrer einzigen Begleitung und nimmt seine Hand. Ewigkeit, denkt er und sein Herz ist von Staunen erfüllt. Dies ist die Ewigkeit.

 

Sie drehen sich um und blicken einander an. Ihre Augen waren noch nie so blau gewesen wie jetzt, hier in der warmen Nachmittagssonne des ländlichen Virginia.

 

Die Friedenrichterin beginnt. "Verehrtes Brautpaar," intoniert sie. "Wir sind heute hier zusammengekommen, zu diesem freudigsten aller Anlässe, um diesen Mann und diese Frau im ewigen Bund der Ehe zu verbinden."

 

Sie drückt seine Hand und er tut dasselbe.

 

Nachdem die Eheversprechen gesagt wurden, der Kuss mit Beifall belohnt wurde, der Reise geworfen und die Begrüßung vorbei ist, findet Skinner eine Minute, um sich von der Menge wegzuschleichen. Die Band baut gerade im Zelt ihre Instrumente auf und Kellner reichen Platten mit Hors D'Oeuvres und Champagner herum, während der Partyservice die Teller auf dem Büfett zusammenräumen. Mit seinem Glass Piper-Heidsieck Champagner in der Hand, wandert er hinter eine Hecke im Garten des Burton Inn Hotels. Es ist Oktober, aber noch immer recht warm hier im Land der Pferde und Skinner sehnt sich danach, seine Krawatte zu lockern.

 

Er hört ein Rascheln von Grass und Laub und schaut auf, erschrocken Dana Scully zu sehen, die entschiedenen Schrittes auf ihn zukommt. Skinner lächelt beim Anblick der Frau, die er seit zwei Jahren nicht mehr gesehen hat, nicht, seit er das FBI verließ um eine Sondereinheit des Präsidenten gegen den Terrorismus zu übernehmen.

 

Die Zeit hat es mit Scully gut gemeint. Es scheint, als sei sie kaum einen Tag gealtert, seit der Nacht vor vier Jahren, als sie seine Geliebte wurde. Ihr Haar ist noch immer glänzend und so rot wie immer, ihr Gesicht noch immer faltenlos, bemerkenswert für eine Frau, die so viel mitgemacht hat wie sie.

 

Scully's Gesicht erblüht zu einem Lächeln als sie ihn erreicht und sie stellt sich auf die Zehenspitzen um ihn auf die Wange zu küssen, ihre Haut wie immer nach Mandeln duftend.

 

 

Sie nimmt seine Hand. "Ich gratuliere dir."

 

"Danke," erwidert er, ebenfalls lächelnd. "Ich dachte, dieser Tag würde niemals kommen."

 

"Du verdienst nur das Beste," sagt sie und nickt ernst mit dem Kopf.

 

Er lacht leise. "Heute fühle ich mich glücklich."

 

"Das bist du. Ich hatte noch keine Gelegenheit mit Caroline zu sprechen, aber sie scheint eine liebenswerte Frau zu sein."

 

Skinner nimmt ihre Hand in die seine und bemerkt das sie noch immer keinen Ring trägt. "Was ist mit dir?" fragt er, "ich sehe keinen Ring."

 

Sie legt den Kopf in den Nacken und lacht, ein tiefes, kehliges Lachen, das er sonst nur im Bett zu hören bekommen hatte. "Mulder und ich, verheiratet? Das wäre was."

 

Er lässt ihre Hand los. "Aber du bist glücklich?" Das Lächeln auf ihren Lippen sagt mehr als tausend Worte. "Am glücklichsten..."

 

"Das freut mich." Und das beste ist, er freut sich wirklich.

 

Er fasst in die Innentasche seines Jacketts und fördert ein kleines, in weißes Papier verpacktes Päckchen zu Tage. "Ich habe etwas für dich, Scully."

 

Sie zieht die Brauen hoch, eine gewohnte Geste. "Skinner, eigentlich sollte ich dir an deinem Hochzeitstag ein Geschenk überreichen. Wir haben euch übrigens eine Kaffeemaschine geschenkt, eine mit Zeituhr."

 

Er überlegt kurz, ob es ein Fehler ist, ihr dies Geschenk zu machen, ob sie seine Motive missverstehen wird. Nein, denkt er, du musst es ihr geben, es ist der letzte Schritt um es zu beenden. "Es ist etwas, was ich vor langer Zeit für dich besorgt hatte und es dir nie gegeben habe. Heute ist irgendwie der richtige Tag dafür."

 

Scully nimmt das Geschenk und dreht es zwischen ihren Fingern. "Kann ich es jetzt aufmachen?"

 

Er schüttelt den Kopf. "Nein, später. Es ist etwas, damit du dich an mich erinnerst."

 

Sie schließt kurz ihre Augen und öffnet sie dann wieder. "Skinner," sagt sie mit zitternder Stimme, "ich habe dir nie gesagt, wie leid es mir getan hat, wie leid es mir noch immer tut."

 

Er beugt sich zu ihr und küsst ihr Haar. "Scully, das ist lange her, du musst dich nicht entschuldigen. Ich bin glücklich und du bist glücklich. Wenn ich Buddhist wäre, würde ich es Karma nennen. Es ist alles so gekommen, wie es hat kommen sollen."

 

Vielleicht könnten wir es auch Schicksal nennen, denkt er.

 

 

"Danke," sagt sie einfach. Scully nimmt seinen Arm. "Komm, lass uns nach Caroline und Mulder schauen. Das Abendessen wird gleich serviert und du musst einen wundervollen Kuchen anschneiden."

 

Arm in Arm gehen sie kameradschaftlich zurück zur Hochzeitsgesellschaft.

 

**********

 

Auf der Damentoilette des Hotels, hält Caroline still, als Leah ihr das weiße Haarband befestigt, dass ihr dunkles, lockiges Haar aus dem Gesicht hält. Es erstaunt sie, dass Leah mit vierzehn fast so groß wie sie ist.

 

"Perfekt, Mama," erklärt Leah und tritt zurück um ihre Arbeit zu bewundern.

 

"Du bist besser, als meine Friseurin, Liebling."

 

Leah nimmt einen Lippenstift aus ihrer Tasche und malt sich ein tiefes Pink auf die Lippen. Gott, ihr Baby, schminkt sich die Lippen wie ein Experte. Trotz der Tatsache, dass dies ihr Hochzeitstag ist, fühlt sich Caroline plötzlich alt.

 

Leah dreht sich um und sagt, "Hey, Mama, weißt du was Großmutter gerade gesagt hat?"

 

Caroline bückt sich und zieht einen ihrer weißen Satinpumps aus. Sie hatte keine Zeit sie einzulaufen und nun tun ihr die Füße weh. "Was?"

 

Ihre Tochter grinst. "Sie hat mir gesagt, jetzt wo du Walter geheiratet hast, muss ich ihn Papa nennen."

 

"Als ich das letzte Mal geschaut habe, war dein Vater guter Dinge und in Washington, Delaware."

 

"Ja, genau das habe ich ihr auch gesagt."

 

Caroline sinkt auf einen Stuhl und erinnert sich selbst daran, mal ein kleines Gespräch mit ihrer Mutter zu führen. Die Tür öffnet sich und eine zierliche Frau mit dunkelrotem Haar kommt herein, angetan mit einem blassgrünen Etuikleid. Caroline verhält mitten in ihrer Fußmassage. Sie kennt diese Frau.

 

Die Rothaarige lächelt ihr zurückhaltend zu. "Hallo," sagt sie fröhlich, "wir haben noch gar keine Gelegenheit gehabt uns richtig kennen zu lernen. Ich bin eine alte.... Freundin von Walter. Mein Name ist Dana Scully."

 

 

 

Der Name Dana Scully war das erste Mal bei ihrer dritten oder vierten Verabredung gefallen, als sie und Walter zu einem Sonntagspaziergang in den Rock Creek Park aufgebrochen waren. Caroline hatte ein wenig über ihre Scheidung von Tom, im Jahr zuvor gesprochen. Er erzählt von seiner Ex-Frau Sharon, mit leichter, gemessener Stimme und sie war froh, dass es so schien, als sei er über den Schmerz seiner gescheiterten Ehe hinweg. Ein Mann mit leichtem Gepäck, hatte sie gedacht.

 

Sie hielten an, um sich auf einer hölzernen Parkbank auszuruhen und etwas Wasser aus der mitgebrachten Flasche zu trinken. Dann erwähnte er, in einem Ton, der zu fröhlich klang, dass er erst vor ein paar Monaten eine andere Beziehung beendet hatte. "Sie hat mich wegen eines anderen verlassen," sagte er und spielte mit dem Verschluss der Evian-Flasche.

 

Caroline bemerkte, dass er sie nicht ansah. Sie tätschelte seine große Hand. "Das tut mir leid."

 

Er schaute hoch. "Nun," seufzte er, "es war von Anfang an ein Fehler. Sie war eine meiner Agentinnen, ist es immer noch. Es war unglaublich dumm von mir, überhaupt etwas mit ihr anzufangen."

 

Sie versuchte, verständnisvoll zu lächeln. "Das passiert oft. Tom war einer meiner Professoren. Wie ist es jetzt mit ihr bei der Arbeit?"

 

Walter zuckte mit den Schultern. "Angespannt, aber wir versuchen, uns wie Erwachsene zu verhalten." Er schaute sie an und sie erkannte den Schmerz in seinen Augen. "Du musst verstehen, der Mann, für den sie mich verlassen hat ist ihr Partner."

 

"Oh,..." sie öffnete den Mund. "Ich dachte nicht, dass es beim FBI solch romantische Verwicklungen gibt."

 

"Das kannst du dir gar nicht vorstellen, Caroline." Er lachte und drückte ihre Hand.

 

Dann stand er auf und zog sie mit sich. "Komm, lass uns zurücklaufen. Wir wollen den Film nicht verpassen."

 

 

Sie schaffte es, das Gespräch eine Woche lang aus ihren Gedanken zu verbannen, bis er sie zum Abendessen zu sich nach Hause einlud.

 

Nach einem Dinner aus Ristotto und Wein, führte er sie durch seine Wohnung. Walters Apartment war geräumig und modern, mit großen Panoramafenstern, die einen spektakulären Ausblick auf die Stadt boten. Es war ordentlich und sauber, aber spärlich möbliert, so wie sie es von geschiedenen Männern um die vierzig erwartet hätte.

 

Der einzige Raum, der wirklich bewohnt aussah, war sein Büro. Eine Wand war völlig von Regalen bedeckt, voller viel benutzter und offensichtlich viel geliebter Bücher. Die andere Wand war mit Diplomen und Auszeichnungen bedeckt, einem Bild auf dem Walter Präsident Clinton die Hand schüttelt, ein weiteres mit Janet Reno. Dazwischen Lithografien von Washington D.C. in früheren Zeiten. Der große, hölzerne Schreibtisch war voller Papiere und Ordner und einigen silbergerahmten Fotografien.

 

Sie nahm ein Foto hoch, das einen dunkelhaarigen Jungen mit Brille und fehlendem Vorderzahn zeigte, der neben einem wenig älteren Mädchen mit einer großen Taftschleife im lockigen Haar saß. "Meine Schwester Cathy," sagte er lächelnd. "Sie lebt jetzt mit ihrem Mann und drei Kindern in Chicago."

 

Er zeigte ihr Bilder seiner Eltern, Neffen und ein albernes Bild von ihm selbst, ohne Hemd neben einem anderen Mann, stolz einen großen Marlin hochhaltend. Das letzte Foto zeigte Walter und eine Gruppe anderer Leute in Abendgarderobe, um einen runden Tisch gruppiert, jeder von ihnen mit einem Champagnerglas in der Hand.

 

"Wo wurde denn das gemacht?", fragte sie und sah es sich genauer an.

 

Sie fühlte wie er sich neben ihr versteifte. "Eine meiner Agentinnen, Darlene Simons, hat letztes Jahr geheiratet. Dies hier sind einige meiner anderen Agenten und ich, beim Hochzeitsempfang."

 

Caroline sah sich die Gesichter der sieben Leute, die um den Tisch herum saßen genauer an. Es war viel zu leicht, die Frau herauszupicken, die früher seine Geliebte gewesen war. Walter saß neben ihr, lächelnd, und obwohl er die Frau nicht berührte, war sein Gesicht ihr zugewandt. Seine Geliebte war eine zierliche Frau mit einem rotbraunen, sanft gewellten Pagenkopf, die ein einfaches cognacfarbenes Kleid trug, das ihr mit ihren herbstlichen Farben sehr gut stand. Natürlich, sie musste ja jung und schön sein, dachte sie mit für sie untypischer Eifersucht.

 

Sie zeigte mit dem Fingernagel auf das Gesicht der Frau. "Das ist sie, oder?"

 

Er verzog das Gesicht und nickte. "Ja, ihr Name ist Dana Scully. Der Mann zu ihrer linken ist ihr Partner, Fox Mulder."

 

Sie wandte ihren Blick dem Mann auf dem Foto zu und fand ihn gutaussehend, trotz der großen Nase und dem schmalen Kinn. Ungefähr zehn Jahre jünger als Walter, überlegte sie, und so viel passender. Sie bemerkte, dass während Walter auf dem Foto Dana anschaute, Dana und Fox sich einander zugewandt hatten und über irgendetwas lachten, das nur sie verstanden. Das Bild schien die ganze Situation besser zu beschreiben, als Worte das jemals hätten tun können. Caroline stellt den Bilderrahmen zurück auf den Schreibtisch.

 

Sie lächelte Walter zu. "Warum zeigst du mir nicht den Rest des Apartments?" Er küsste sie auf die Wange und führte sie aus dem Arbeitszimmer.

 

 

 

Wochen vergingen und Caroline war glücklich. Nach den katastrophalen letzten Jahren ihrer Ehe und einigen kurzen Beziehungen, hatte sie jemanden gefunden, dem sie sich verbunden fühlte. Beide waren furchtbar beschäftigt, versuchten aber so viel Zeit wie möglich füreinander zu finden. Walter war ein guter Zuhörer und konnte faszinierende Geschichten aus seiner Zeit beim FBI erzählen. Er liebte die Oper so sehr wie sie selbst, weswegen sie sich eigentlich erst kennen gelernt hatten. Sie fand heraus, dass er über Dinge Bescheid wusste, die ihr am wichtigsten waren – Kunst, Literatur, Geschichte und Politik. Oh Gott, er konnte sogar kochen.

 

Walter war die Art Mann, der anrief, wenn er es versprochen hatte, der immer pünktlich kam und ihr Blumen mit fast peinlicher Regelmäßigkeit schickte. Für eine Frau, deren letztes Geburtstagsgeschenk von ihrem Mann ein Bügelbrett gewesen war, war dies ein einschneidendes Erlebnis. Nach einer Weile lernte er ihre Tochter kennen und sie war hoch erfreut zu sehen, dass er sie mit ehrlichem Respekt behandelte, nicht mit dieser anwidernden Aufrichtigkeit, die sie an anderen Männern, mit denen sie ausgegangen war, bemerkt hatte. Leah machte ein paar Kommentare über Glatzen, aber es schien, dass sie ihn mehr mochte, als andere Männer die Caroline getroffen hatte.

 

Und nach einer Weile fand sie heraus, dass Walter eine sensibler, geübter Liebhaber war, ein Mann, der Vergnügen daran fand, den Körper einer Frau zu erforschen. Caroline fühlte sich zufrieden, wie schon seit fast zehn Jahren nicht mehr. Kollegen und Freunde fragte sich, warum sie von innen heraus zu strahlen schien. Ihre Mutter sprach lockend davon, ein Datum für die Hochzeit festzulegen. Caroline hatte ihr gesagt, sie solle sich abregen, aber innerlich hatte sie gelächelt.

 

Und doch, als die Wochen zu Monaten wurden und der Winter in der Stadt Einzug hielt, begann sie sich seltsam unzufrieden zu fühlen. So wundervoll und zuvorkommend Walter auch war, er sprach fast nie über persönliche Dinge, darüber was ihm wichtig war. Caroline versuchte, ihn mit bestimmten Fragen aus der Reserve zu locken, traf aber immer auf eine Mauer des Schweigens und einem sehr bestimmten Themawechsel. Ich bin nicht bedürftig, dachte sie, als er neben ihr schlief. Ich habe ein ausgefülltes Leben, aber habe ich nicht das Recht, mehr zu erwarten? Männer, dachte sie launisch, immer diese Angst, sich zu öffnen.

 

Es gab mehr als eine Gelegenheit, bei der sie ihn dabei ertappte, wie er in die Ferne starrte und irgendwie wusste sie, dass er an die andere dachte.

 

Es wird vorüber gehen, dachte sie. Caroline versuchte, sich nicht reinzusteigern.

 

Und dann, eines Nachts in seinem Schlafzimmer, als sie sich liebten, da spürte sie es. Oh, es war so gut wie immer, er stieß tief in sie und sie schrie vor Lust auf, aber dann fühlte es sich plötzlich anders an. Sein Rhythmus war einer, den sie noch nie gespürt hatte und die Art, wie er sie berührte war irgendwie weicher, aber gleichzeitig besitzergreifender. Walter liebte nicht sie, seine Augen waren geschlossen und er war mit Dana zusammen. Er berührte ihre Wange und sie wusste, es war nicht ihre Wange, die er unter seinen Fingern fühlte, es war die der anderen. Sie schloss die Augen, die Lust verging. Caroline wusste es einfach.

 

Nachdem er eingeschlafen war, zog Caroline den Bademantel, den sie bei ihm deponiert hatte, an und ging in die Küche. Mit zitternden Händen, machte sie sich eine Tasse Tee und setzte sich an den Küchentisch. Er liebte sie nicht, er liebt noch immer den Geist der Frau, die ihn vor sechs Monaten verlassen hatte. Tränen stiegen ihr in die Augen, sie wischte sie mit dem Ärmel des Bademantels fort und fühlte sich wie eine Närrin.

 

Sie hörte seine Schritte, wie sie durch den Gang auf sie zukamen. Walter lächelte sie verschlafen an, nur mit den Hosen seines Pyjamas bekleidet. Er setzte seine Brille auf. "Was tust du denn auf?"

 

Caroline schaute zu ihm auf und versuchte ihre Stimme ruhig zu halten. "Ich kann kein Ersatz sein, Walter."

 

 

 

 

Er setzte sich und blinzelte. "Wovon sprichst du?"

 

Sie seufzte. "Du liebst sie noch immer. Leugne es nicht, ich weiß, dass du das tust." Sie nahm einen Schluck Tee und wünschte sich, sie wäre zu Hause, in ihrem Bett, und nicht hier, wo sie diesen Streit mit ihrem neuen Liebhaber hatte. "Ich mag dich wirklich sehr," sprach sie weiter. "Ich könnte dich sogar lieben, aber nicht, während ihr Geist noch über uns schwebt."

 

Er vergrub das Gesicht in den Händen und schüttelte den Kopf. "Es tut mir leid, Caroline. Ich versuche es."

 

"Das weiß ich." Sie streichelte seine raue Wange und schaffte es, zu lächeln. "Ich weiß, dass du das tust, aber ich kann nicht mit dir zusammen sein, wenn du noch immer von jemand anderem besessen bist. Sie ist nicht real, das weißt du doch."

 

Er schaute überrascht auf. "Was meinst du damit, sie ist nicht real?"

 

"Was ich meine ist, sie ist Vergangenheit und du musst dir das eingestehen." Tränen rannen ihr Gesicht hinunter und wortlos reichte er ihr ein Taschentuch. "Dana ist jetzt mit jemand anderem zusammen und wahrscheinlich ist sie glücklich, so grausam sich das auch anhören mag. Du verdienst es, ebenfalls glücklich zu sein, aber du wirst kein Glück finden, wenn du der Vergangenheit nachhängst."

 

"Ich weiß, und es tut mir wirklich leid."

 

Es schmerzte, es brannte zu wissen, dass er die ganze Zeit über Sehnsucht nach Dana gehabt hatte, während er mit ihr zusammen gewesen war.

 

Caroline stand auf. "Ich muss jetzt nach Hause."

 

Seine Augen waren dunkel. "Geh' nicht."

 

Sie schüttelte den Kopf. "Nein, ich muss. Du brauchst Zeit und du musst damit alleine fertig werden. Ich kann dir nicht helfen, ich bringe alles nur durcheinander."

 

Walter stand ebenfalls auf und nahm sie in die Arme, in seine Arme, die bis zu jener Nacht nur Stärke und Zuneigung für sie bedeutet hatten. "Dann ist es vorbei?"

 

"Das hängt von dir ab. Ich möchte mit dir zusammen sein, aber ich möchte dir alleine gehören."

 

Sie küsste ihn auf die Wange, zog sich an und ließ ihn zurück, am Küchentisch sitzend, sein Gesicht wieder in den Händen verborgen.

 

Du hast das richtige getan, sagte sie sich, als die Tränen drohten, ihre Sicht auf der Autobahn zu verschleiern. Aber wenn es das richtige war, warum tat es so verdammt weh?

 

 

 

 

Am folgenden Wochenende, fuhr Caroline Leah und einen Haufen ihrer Freundinnen ins Einkaufszentrum, damit sie Leonardo Di Caprio in seinem neuesten Film anschmachten konnten. Nachdem sie die Mädchen am Eingang des Kinos hatte aussteigen lassen, entschied sie sich einkaufen zu gehen, anstatt nach Hause zu ihren Zeugnissen.

 

Als sie durch Nordstrom ging, sah sie, dass es dort einen Ausverkauf für Schuhe gab und ihr Gesicht erstrahlte. Perfekt, einfach perfekt. Wenn das Herz einer Frau angeschlagen ist, ist ein Schuheinkauf die einzige, kurzfristige Heilung, dachte sie.

 

"Better Shoes" war voller Schnäppchenjäger, aber Caroline fand sofort ein Paar Joan & David Riemensandalen, die nach ihr zu rufen schienen. Sie schaffte es, den letzten freien Sitz zu finden und nach einer Weile, ging ein Verkäufer los, um den Schuh in Größe 39 zu suchen.

 

Caroline fühlte das schwarze Leder der Sandalen und versuchte, nicht daran zu denken, wo sie sie vielleicht mit Walter hätte tragen können. Gibs auf, sagte sie sich, du bist kein liebeskranker Teenager. Du bist zweiundvierzig, Professorin an der Georgetown Universität und andere Mütter haben schließlich auch noch hübsche Söhne.

 

"Die sind aber schön," sagte eine Frauenstimme links von ihr.

 

"Nicht wahr? Sie kosten nur sechzig Dollar..." sie drehte sich um und ihr Lächeln gefror. Oh, mein Gott, was für ein kranker Witz, was für ein furchtbarer Zufall, an dem Tag, an dem sie sich aufheitern wollte.

 

Carolines Nachbarin zur linken, war ohne Zweifel Dana Scully. Sie trug legere Jeans und einen schwarzen Pullover mit V-Ausschnitt, aber das helle rotbraune Haar, die schmale römische Nase waren nicht zu leugnen.

 

Die andere lächelte. "Ich frage mich, ob ich mir auch so ein Paar schnappen sollte." Sie zeigte auf das konservative Paar navy-blauer Pumps auf ihrem Schoss. "Ich kaufe nie Schuhe zum Spaß, nur für die Arbeit."

 

Das war das ätzende, dachte Caroline. Dana Scully war nicht die bösartige Harpyie, die sie sich vorgestellt hatte, die Walters Herz gedankenlos mit einem Tritt ihrer hochhackigen Schuhe zertrampelt hatte. Sie war einfach nur eine weitere hübsche, junger Frau, die sich einen Ausverkauf an Schuhen zu nutze machte.

 

Der Verkäufer kam zurück, den Schuhkarton in der Hand und Caroline schlüpfte in die Schuhe. Sie stand auf und lief versuchsweise den Teppich entlang, versuchte, Dana nicht anzustarren. Verdammt, sie ist jung, dachte sie, was hatte Walter mit einer so jungen Frau zu schaffen?

 

"Wunderbar," sagte die Rothaarige. "Ich wünschte ich wäre so groß wie sie. Mir stehen solche Schuhe nicht."

 

 

 

 

Caroline drehte sich um und lächelte sie an. Sie ist genauso unsicher wie ich, dachte sie, keine Sexgöttin mit Zauberkräften.

 

"Ich nehm' sie," sagte sie dem Verkäufer.

 

Als sie am Tresen stand um ihre neuen Schuhe zu bezahlen, warf sie einen Blick zurück auf ihre nichtsahnende Nemesis. Ein großer Mann kam auf sie zu und hielt ihre einen Becher von Starbucks hin. Die Geschichte verdichtet sich, dachte Caroline, hier ist der Vierte in diesem kleinen Liebesdreieck. Oder ist es ein Liebesquadrat? Sie grinste wegen ihrer Albernheit, steckte ihre Kreditkarte wieder in den Geldbeutel und verließ das Geschäft, ohne noch einmal zurück zu sehen.

 

Der Winter wurde zum Frühling und Caroline hörte auf, ihren Anrufbeantworter nach Nachrichten von Walter zu checken. Sie war zu beschäftigt, ein Seminar in Toronto vorzubereiten und Leah zu den Pfadfinderinnen oder zum Ballettunterricht zu kutschieren. Sie ging ein paar Mal mit einem netten Zahnarzt aus und fand, dass er unerträglich langweilig war. Als die Bäume zu blühen begannen, räumte sie methodisch ihre Schränke auf und schickte alte Kleider ins Frauenhaus.

 

Sich zu beschäftigen half ihr, sich nicht in die Dinge reinzusteigern.

 

Eines Abends, als Leah schon im Bett war, saß Caroline an ihrem Schreibtisch im Wohnzimmer und bereitete den Unterricht für den kommenden Montag vor. Es klingelte an der Tür und erschrocken sah sie von ihrem Computer auf.

 

Nein, es konnte nicht sein. So etwas passierte in ihrer Welt nicht.

 

Caroline öffnete die Haustür und da war er, unglaublich groß und beeindruckend in seinem Trenchcoat. Er hielt einen Frühlingsblumenstrauß in den Händen.

 

Walter lächelte sie schüchtern an und sie öffnete die Tür weiter.

 

Sie dachte sie, dass es Happy Ends vielleicht doch gab.

 

 

**********************

 

Caroline lächelt die Frau vor ihr an und fragt sich, ob die sich an ihr kurzes Zusammentreffen vor drei Jahren erinnert. Sie steht auf und küsst Dana auf die Wange. "Es ist so schön, Sie kennen zu lernen," sagt sie. "Ich habe so viel von ihnen gehört, dass ich das Gefühl habe, sie schon zu kennen."

 

 

Unter dem weißen Zelt, tanzt Skinner mit seiner Braut zu "Unchained Melody". Irgendwie dick aufgetragen, denkt er, aber das ist in Ordnung. Heute kann er so dick auftragen wie er möchte. Es ist sein Hochzeitstag und er kann es sich leisten.

 

Caroline lächelt und lehnt ihren Lockenkopf an seine Schulter und er zieht sie zu sich, kann ihr Herz unter dem seidenen Kleid schlagen hören. Es ist schwer zu glauben, dass sie jetzt ihm gehört und er ihr.

 

Aus den Augenwinkeln, sieht er Mulder und Scully tanzen. Er bemerkt das Blitzen der Saphir und Diamanten Ohrringe an Scully und hört sie lachen. Heute Nacht ist ihm ihr Lachen eine Freude, Freude daran, dass er sie kannte und liebte.

 

Scully ist ein Teil von ihm, so wie Sharon, aber sie sind seine Vergangenheit, die dem Widerhall seines Lebens Reichtum verleihen. Seine Kollegen, Freunde und Familie sind hier, umgeben ihm mit Liebe. Er küsst das Haar seine Frau und bewegt sich mit ihr zum Takt der Musik.

 

Caroline ist die Zukunft.

 

End of story and of the Red Valerian series.