Jahreszeiten (The Seasons)

von Dasha K. (dashak@visi.com)

 

Deutsche Übersetzung von DanaK35 (DanaK35@yahoo.com)

 

 

Herbst

 

Der Duft brennenden Laubs driftete ins Auto, während sie auf einem Highway in New Hampshire entlang rasten. Bäume, in lebendigen Farben, verwischen zu Gold und Rot.

 

Er spielt mit dem Gedanken, das Auto anzuhalten und durch einen dieser Laubhaufen zu toben, das knirschende Geräusch zu hören, wenn er mit seinen Füßen darauf tritt. Aber das geht nicht. Sie sind spät dran für ein Interview mit einem Zeugen und außerdem, schreit ihn Scully gerade an.

 

Vielleicht ist schreien etwas zu viel gesagt, aber sie ist sehr ärgerlich, und sie hält ihm in bester Lehrerinne Manier eine Standpauke, die Knöchel ihrer Hände sind weiß, so sehr krampft sie sie um das Lenkrad. "Du hättest mich um 12 treffen sollen. Wo warst du?"

 

Gezüchtigt, starrt er das Amarturenbrett des Taurus an. "Ich hatte einen heißen Tip."

 

Ihre Lippen sind zu einem dünnen Strich zusammengezogen. "Einen heißen Tip?" Sie hält inne, wahrscheinlich um den größten Effekt zu erzielen. Und es funktionierte. "Warum hast du nicht angerufen?"

 

Sie hört sich wirklich fast wie seine Mutter an, die ihren Vater niedermachte, weil er Dreck oder Schnee auf den Perserteppich schleppte. "Ich habe es vergessen?", bot er ihr als lahme Erklärung.

 

Das Auto verläßt ruckelnd die Strasse und kommt auf dem Standstreifen zu stehen. Das ist seine Chance, die Gelegenheit, die Tür aufzureißen und zu fliehen, in die Wälder, ins Laub. Aber stattdessen bleibt er und wartet auf den Urteilsspruch.

 

Scully öffnet die Fahrertür und rast hinaus und als nächstes sieht er sie, zwergenhaft in ihrem langen, beigen Trenchcoat, wie sie vor dem Auto auf und ab geht. Ihre Hände sind zu Fäusten geballt.

 

Ausserhalb des Autos, riecht die kühle Octoberluft noch mehr nach brennendem Laub. Es riecht nach Samstagen, an denen man dazu verdonnert wird, Laub zu rechen, danach, sich bei Footballspielen zu betrinken, danach, wie man im dunkeln morgens zur Schule geht. Er berührt sie am Arm und sie wirbelt herum, ihr Haar eine Strahlenkrone aus tiefstem rostrot. "Es tut mir leid," sagt er, die Arme schlaff an seiner Seite hängend.

 

Ihr Atem formt eine Dampfwolke. "Das sagst du jedesmal, wenn du das tust, aber es ändert sich nie etwas!"

 

Er weiß nicht, was er darauf antworten soll. Er findet keine Worte.

 

 

Ein weiterer kleiner Seufzer von ihr. "Mulder, wer bin ich?"

 

"Wer du bist?" Er ist verwirrt. Sie ist gewandt und trickreich mit Sprache, immer im Stande sie zu manipulieren, so wie F. Lee Bailey, im Stande, ihn mit den harmlosesten Fragen in die Falle zu locken. Er geht hier einen sehr gefährlichen Weg mit ihr. Sein Herz schlägt Stakkato und er merkt, dass sein Kopf im gleichen Rhythmus wie sein rasender Puls zu pochen beginnt.

 

"Ich bin deine Partnerin. Laß' uns die andere Seite unserer Beziehung mal für einen Moment vergessen." Ihre Stimme ist gleichmäßig, die Worte kurz. "Ich bin deine Partnerin und wenn du dich alleine davonmachst, dann zeigt mir das, dass du mich nicht als genau das ansiehst, als deine gleichberechtigte Partnerin. Du vertraust mir nicht."

 

"Es ging alles so schnell, ich habe nicht nachgedacht."

 

Ihr Augen werden traurig und erschöpft, die feinen Linien, die von den Augenwinkeln ausstrahlen sind im Licht der Herbstsonne deutlich sichtbar. "Und du denkst das ist alles kein Problem. Wir haben wieder und wieder darüber gesprochen, und du drehst dich einfach um, und rennst wieder ohne mich los. Wie kann ich dich dementsprechend unterstützen, wenn ich nicht weiß, wo du bist und was du machst."

 

Seine Brust scheint enger zu werden. Verantwortung, das ist es was sie will.

 

Scully lehnt sich gegen das Auto und steckt die Hände in die Taschen ihres Mantels. "Dies ist auch meine Suche," sagt sie fast unhörbar.

 

"Ich weiß." Er senkt beschämt den Kopf.

 

"Dann laß mich daran teilhaben. Es ist nicht mehr deine Sache, es ist unsere. Sie gehört mir genauso wie dir und ich möchte, dass du das nicht eine Sekunde vergißt."

 

Verdammt, sie hat recht.

 

Sie hebt warnend den Zeigefinger. "Es muss sich ändern, und zwar ab jetzt. Ich werde dich nicht zwingen, es zu versprechen, aber ich sage Dir, was heute passiert ist, und was so viele Male bereits geschehen ist, ist vorbei."

 

Sie muß die Drohung nicht erst aussprechen, die zwischen ihren vorsichtig gewählten Worten versteckt ist.

 

Laß' mich noch einmal hängen und ich gehe.

 

Und für ihn würde das das Ende bedeuten.

 

Verdammt, sie hat recht.

 

 

Er streicht ihr das Haar zurück, das ihr der Wind in die Stirn geblasen hat. "Was kann ich sagen, um es wieder gut zu machen?"

 

Ihre unglaublich blauen Augen treffen die seinen. "Du kannst gar nichts sagen, du kannst nur das richtig tun."

 

Sie macht sich von ihm los, steigt wieder in den Wagen und startet ihn.

 

Er starrt noch für einen Moment auf die vielfarbigen Blätter der Ahornbäume, die nur noch darauf warten zu scheinen, auf den Boden fallen zu können um vom Winter weggefegt zu werden. Noch einmal überlegt er sich, davon zu stürzen, durch das Laub zu rennen, wo er frei wäre, niemanden Rechenschaft ablegen müsse, unbehelligt über den Waldboden spazieren könnte.

 

Aber stattdessen, steigt er wieder ins Auto und Scully fährt los, damit sie den Zeugen befragen können. Auf ihrem Weg kommen sie an noch mehr Herbstfarben vorbei.

 

 

*****************************

 

 

Winter

 

Die Sonne geht gerade hinter dem Lone Mountain unter, als sie ihn aufwecken will. Er liegt auf der weichen, beigen Couch ausgesteckt, sein Kopf von mehreren weichen Kissen gestützt, eine karierte Wolldecke auf den Beinen. Einen Moment schwankt sie, ob sie ihn wirklich aufwecken soll, sein Gesicht ist so friedlich. Doch, sie muss ihn wecken. Sie rüttelt ihn sanft an der Schulter. "Mulder," sagt sie leise, "es ist Zeit aufzuwachen."

 

Ohne die Augen zu öffnen, ächzt er protestierend.

 

Scully lehnt sich über ihn, so dass ihre Lippen beinahe die Stoppeln auf seiner Wange berühren. "Mach' die Augen auf," sagt sie.

 

Seine haselnußbraunen Augen öffnen sich. "Wie fühlst du dich?" fragt sie.

 

"Kopfschmerzen," stöhnt er.

 

"Das kommt schon mal vor, wenn man sich den Kopf am Mast eines Skilifts stößt," gibt sie kurz zurück. Sie bewegt ihren Zeigefinger vor seinen Augen hin und her und sieht, das sie ihren Bewegungen angemessen folgen. Sie macht die Lampe an und seine Pupillen verengen sich. Er wird wieder in Ordnung kommen, es ist nur ein weiteres kleines Vorkommnis im Leben von Fox Mulder, für Unfälle anfälliger Agent.

 

Er war natürlich selbst Schuld. An diesem Morgen waren sie auf der Piste gewesen, die passenderweise Tippy's Fall, geheißen hatte. Sie war am Gipfel des Berges gestanden und hatte die majestätische Aussicht bewundert. Es war erst ihr zweiter Tag, den sie zum Skifahren am Big Sky verbrachten und schon hatte sie sich hoffnungslos in die zerklüfteten Felsen der nördlichen Rocky Mountains verliebt.

 

Mulder war neben ihr mit einem eindrucksvollen Schwung neben ihr zum stehen gekommen. "Laß' uns ein Wettrennen ins Tal machen," hatte er gesagt und seine Sonnenbrille zurecht gerückt.

 

"Sicher, in meinen Träumen," sagte sie. Mulder war ein wesentlich besserer Skifahrer, er hatte in seiner Kindheit das Privileg von Reisen nach Vail und Snowmass gehabt. Sie hatte das Skifahren erst im College gelernt, als sie ein paarmal die Ferien mit ihrer Zimmergenossin Sally in deren Heimatstadt Stowe, in Vermont verbracht hatte.

 

Mulder startete blitzschnell und verschwand die Piste hinunter. Sie lachte und machte sich selbst auf den Weg den ziemlich steilen und vereisten Pfad hinunter, mit den weiten Schwüngen eines vorsichtigen Skifahrers.

 

Was für eine gute Idee, hatte sie gedacht, als sie an schneebdeckten Bäumen vorbeirauschte und der kalte Wind ihr ins Gesicht bließ. Weihnachten in Montana, weit, weit weg vom Chaos beim FBI. Sie hätte die Feiertage mit ihrer Familie in San Diego verbringen können, aber die Erinnerung an letztes Jahr war noch zu frisch um jetzt dorthin zurückzukehren. Stattdessen hatten Mulder und sie ein paar ihrer Frequent Flyer Meilen eingelöst und waren aufgebrochen, um 12 Tage skifahren und relaxen im Jacuzzi einer gemieteten Wohnung zu geniessen.

 

Nach einer Kurve beinahe im Tal, sah sie einen blauen Anorak neben dem Pfosten des Sesselliftes liegen. Ihr Herz machte einen schmerzhaften Sprung. Es war Mulder und er lag totenstill da. So schnell es ihr zitternder Körper erlaubte, raste sie hinunter, während Bilder von Sonny Bono und dieses einen Kennedy's sie den ganzen Weg quälten. Nein, nein, nein, dachte sie verzweifelt als sie ihn erreichte.

 

Ein weiterer Skifahrer, ein junger Mann in einer grünen Jacke, war neben Mulder stehen geblieben. "Der ist voll weggetreten," sagte er mit kalifornischen Akzent.

 

Scully verwandelte sich sofort in einen Arzt. "Ich bin Ärztin," sagte sie atemlos. "Holen Sie die Ski-Patroullie."

 

Der Mann nickte und fuhr davon. Sie war froh zu sehen, das er ein exzellenter Fahrer war. Sie löste die Bindung, hieb ihre Ski in den Schnee und beugte sich über Mulder. "Mulder!" schrie sie, um ihn aufzuwecken. Ohne ihre Handschuhe konnte sie seinen Puls fühlen.

 

Er öffnete die Augen und sie seufzte erleichtert. Er versuchte sich aufzusetzen, doch sie hielt ihn zurück. "Beweg' dich nicht," befahl sie ihm.

 

 

"Scully?" fragte er erstaunt. "Wo sind wir?"

 

Eine Gehirnerschütterung, sagte sie sich schnell, kurzfristiger Gedächtnisverlust. "Wir sind in Montana," sagte sie und zog ihren Anorak, deckte ihn damit zu, falls er einen Schock bekommen würde. Seine Pupillen waren geweitet und er atmete schnell.

 

"Montana?" Er hörte sich an, als ob er weinen wollte. "Was tun wir hier, ein Fall?"

 

Sie lächelte beruhigend und nahm seine behandschuhte Hand. "Wir sind hier im Urlaub, heute ist Weihnachten. Beruhige dich, Mulder, ganz langsam atmen." Sie machte es ihm vor.

 

Er schüttelte seinen Kopf und Scully war froh, dass sie ihn am Morgen dazu veranlaßt hatte, eine Mütze zu tragen. "Ich… ich erinnere mich nicht."

 

Sie drückte wieder seine Hand, versuchte zu lächeln. "Es ist in Ordnung," murmelte sie, "du wirst dich erinnern."

 

Er kämpfte sich wieder in eine sitzende Position und wurde grün im Gesicht. "Oh Gott," ächzte er, "ich glaube ich muß mich übergeben."

 

"Du mußt ruhig bleiben. Beruhige dich."

 

"Aber warum?" fragte er. "Warum sind wir hier?"

 

Es ist nur eine Gehirnerschütterung, sagte sie sich, aber die Angst nagte noch immer an ihr. Oh Gott, konnten sie nicht einmal einen Urlaub miteinander verbringen, ohne das es irgendeine Katastrophe gab? Plötzlich erschien Weihnachten in San Diego nicht mehr so schrecklich.

 

In diesem Moment erschienen zwei Mitglieder der Ski-Patrouillie in roten Jacken. "Ich bin Ärztin," erklärte sie, "ich glaube nicht dass er seine Wirbelsäule verletzt ist, er hat nur eine Gehirnerschütterung. Er kann sich aufsetzen."

 

Mit Scully's Hilfe luden die zwei Frauen Mulder auf ihren Rettungsschlitten und machten sich auf den Weg den Berg hinunter. Eine Stunde später, im Krankenhaus in Bozeman, kommentierte ein Notfallarzt trocken, dass Mulder heute bereits der dritte Unfall am Big Sky war. Zu diesem Zeitpunkt war Mulder wieder bei Sinnen und erinnerte sich an die Reise ins Skigebiet. Nach Untersuchungen und einem CAT-Scan wurde Mulder in Scully's Aufsicht entlassen. Er schien eine blasse, erschütterte und Version seiner Selbst zu sein.

 

"Es tut mir leid," murmelte er entschuldigend, als sie in ihrem gemieteten Explorer auf dem Weg zurück nach Big Sky waren.

 

 

Sie berühre seine Hand. "Es war eisig und du bist zu schnell gefahren, weil du dachtest du bist wieder sechzehn. Es ist schon in Ordnung."

 

Er lächelte und rieb sich die Augen. "Ich wollte, das dies hier perfekt wird. Es ist Weihnachten, unser erstes gemeinsames Weihnachten."

 

"Du bist am Leben, Mulder, das ist das wichtigste."

 

Nur Mulder konnte sich im Urlaub verletzen. Er mußte alles immer zum äußersten treiben, dachte sie, als sie die komplizierten Kurven der Strasse entlang fuhr. Sie konnte ihm aber für seine Unvorsichtigkeit nicht böse sein, Mulder lebte eben so, immer auf Höchstgeschwindigkeit.

 

 

 

Mulder setzt sich auf und verzieht das Gesicht. "Wie spät ist es?" fragt er und streckt die Arme aus.

 

"Ungefähr fünf," sagt sie und schüttelt die Kissen in seinem Rücken auf.

 

Er lächelt schief. "Die Zeit fliegt, wenn man zu schnell Ski fährt." Der Schlag auf den Kopf scheint seinen Sinn für Humor nicht beeinträchtigt zu haben.

 

"Hast du Hunger? Ich habe Abendessen gemacht."

 

"Ja, ich glaube schon. Was gibt es?"

 

"Ich habe die Lasagne auf morgen verschoben, damit du sie richtig genießen kannst. Heute gibt es gebackenes Hühnchen und Kartoffelbrei." Sie setzt sich auf den Boden neben die Couch und nimmt seine warme Hand.

 

Mulder nimmt ihre Hand und küßt sie. "Frohe Weihnachten."

 

"Frohes verspätetes Hanukkah," antwortet sie. Sie haben diesen Feiertag bereits zu Hause gefeiert. Mit einem verbrannten Latke und acht Geschenken. Ihre waren meist von Victoria's Secret.

 

Nach dem Abendessen fühlt sich Mulder etwas besser und sie zündet das Feuer in dem steinernen Kamin an. Aus der Stereoanlage klingen Weihnachtslieder. Eine Frau mit schmelzend süßem Sopran singt "Welches Kind ist dies?" und ein schmerzvoller Stich für Emily durchzuckt Scully. Diese Jahreszeit wird immer bittersüß und voller Erinnerungen an ihre verlorene Tochter sein.

 

Im einem Eck des Raumes steht eine Blaufichte, geschmückt mit vielfarbigen Kugeln und Lichtern, freundlicherweise vom Management zur Verfügung gestellt. Scully legt sich unter die Äste des Baumes und starrt nach oben, auf die glimmenden Lichter, genauso, wie sie es als Kind getan hat. Mulder legt sich neben sie, so dass ihre Köpfe sich berühren.

 

Scully schließt die Augen und lächelt, den frischen Duft des Baumes einatmend. "Das ist sehr…weihnachtlich," sagt sie.

 

"Scully, wann hast du deine Jungfräulichkeit verloren?" fragt Mulder.

 

Sie setzt sich vor Überraschung fast auf. Vielleicht ist die Gehirnerschütterung doch schlimmer als sie gedacht hat. Sie lacht. "Das ist aber ein bißchen im Abseits. Bist du Okay?"

 

Er lacht leise. "Ich versicher dir, mein Gehirn ist nicht mehr geschädigt als sonst auch. Ich dachte mir nur, das dies der richtige Zeitpunkt wäre, uns, na ja, kennenzulernen."

 

Oh, Mulder. "Nach der langen Zeit. Ich bin überrascht, dass ich es dir noch nicht erzählt habe. Laß' mich mal nachdenken. Ich war neunzehn und hatte gerade in Berkeley angefangen. Josh Rosenblum, wir waren schon fast ein Semester zusammen und ich dachte, dass es wohl an der Zeit wäre, dass es am besten wäre, es hinter sich zu bringen."

 

"Wie wars?" Sie kann das hämische Grinsen in seiner Stimme hören.

 

"Ziemlich enttäuschend, überhaut kein Spass. Wie sieht es bei dir aus? Wenn du austeilst mußt du auch einstecken können."

 

"Das ist nur gerecht. Meine erste war Kelly Reilly. Es hat genau 30 Sekunden gedauert und ich war zutiefst beschämt."

 

Sie lacht, jedoch nicht unfreundlich und stellt sich einen jüngeren, unsicheren Mulder, der sich eifrig seinen Weg fummelte.

 

"Hey," sagt er mit überraschtem Ton. "Mir ist gerade etwas aufgefallen."

 

"Und was ist das?"

 

"Kelly war rothaarig. Ich habe noch nie den Zusammenhang gesehen."

 

"Du willst mir also sagen, dass du dich zu mir wegen deiner ersten sexuellen Beziehung hingezogen fühlst? So wie Nabokov's Humbert Humbert, der für immer nach einer Inkarnation seiner ersten Liebe sucht?"

 

Er schnaubt. "Du hast völlig recht, außer natürlich der Teil über den Europäischen Pädophilen. Nein, eigentlich hatte ich im allgemeinen nichts für Rothaarige übrig, nur für eine ganz bestimmte."

 

Sie lächelt. "Schöne Worte… Okay, wenn du mich so was fragst, dann darf ich auch."

 

"Nur zu."

 

 

"Wie oft warst du schon verliebt?"

 

"Oh, gute Frage. Ich habe Phoebe nicht geliebt, glaub's mir oder nicht. Ich glaube ich habe Diana auf meine Weise geliebt, aber wahrscheinlich war es wohl mehr die Vorstellung von ihr, als die eigentliche Person."

 

Scully knirscht mit den Zähnen, als er Diana erwähnt. Einer ihrer größten Fehler ist Eifersucht. Sie versucht sich zu bessern, wirklich, aber es ist schwer. Sie erinnert sich nur zu gut an Diana's auffallendes Gesicht und die Art wie sie ihn Fox genannt hatte, mit dieser tiefen, schnurrenden Stimme. "Die Vorstellung von Diana?"

 

Er ist etwas verunsichert, will aber kein Spielverderber sein und spricht weiter. "Es war schön, dass es jemanden gab, der mich verstand, jemand der glauben konnte, was ich glaube und nicht der Meinung wahr, dass ich den Verstand verloren habe." Er hält inne. "Macht es dir etwas aus, wenn ich über sie rede?"

 

Scully schüttelt den Kopf. "Ich hätte dich nicht gefragt, wenn es mir etwas ausmachte," lügt sie.

 

"Ich habe sie geliebt, aber nachdem sie weg war... sie hat kein sehr großes Loch hinterlassen. Diana war fort und ich habe weitergemacht. Und du, wie oft bist du schon verliebt gewesen?"

 

Sie denkt an Jack und ihre Anbetung ihm gegenüber, vor so vielen Jahren. Hatte man das Liebe nennen können? Nein, entscheidet sie sich, erst jetzt weiß sie was Liebe ist. Sie zögert nicht. "Nur in dich, Mulder. Du bist der einzige."

 

Er streckt seine Hand nach ihr aus und glättet ihr Haar. "Ich sollte mich glücklich schätzen."

 

"Und vergiß' das bloß nicht," lächelt sie.

 

"Okay, ich habe noch eine Frage."

 

"Langsam denke ich, dass dies ein Verhör ist."

 

"Dann hören wir auf."

 

"Nein, es war ein Scherz," sagt sie, "frag nur!"

 

Er ist kurz still und sie fragt sich, was er wohl in seinem Gehirn zusammen formuliert. "Warum Skinner?"

 

 

 

 

 

Scully öffnet die Augen und schaut auf zu den Lichtern des Baumes. Wenn sie die Augen zusammenkneift, dann ergibt das wunderschön verschwommene Farben. "Ich kann es nicht wirklich sagen," sagt sie. "Ich habe dir das nie gesagt, aber ich habe es in Little Rock angefangen."

 

In seiner Stimme schwingt Überraschung mit. "Du?"

 

"Ja," sagt sie einfach. "Ich brauchte die Nähe eines Menschen in dieser Nacht und er war da." Es war leichter es auszusprechen, ohne ihn dabei anzusehen.

 

"Und es war nicht...."

 

"Mulder," seufzt sie. "Ich denke nicht, dass es damals zwischen uns etwas geworden wäre. Ich war noch nicht bereit für das was wir jetzt haben."

 

"Was hat dich bereit gemacht."

 

"Mich von dir zu distanzieren. Du warst allem, was in meinem Leben schmerzlich war zu nahe." Ein paar Tränen rollen ihr Gesicht runter und sie schämt sich. Sie war damit aufgewachsen, dass Tränen etwas für Feiglinge waren.

 

Sie hört, wie Mulder sich mit einem Ächzen aufsetzt und neben sie legt. Seine Stimme klingt erstickt. "Ich entschuldige mich für all den Schmerz, den du in deinem Leben mit mir erdulden musstet." Sie dreht sich zu ihm um und presst ihre Wange an seine raue. "Du musst dich nicht entschuldigen," sagt sie. "Ich hatte mich für dieses Leben entschieden. Ich muss für meinen Schmerz selbst die Verantwortung übernehmen. Vor langer Zeit habe ich dir gesagt, dass ich keinen Tag ändern würde und dazu stehe ich noch immer."

 

Er küsst sie auf die Stirn, ein keuscher, zärtlicher Kuss, der sie an den Kuss im Gang des Krankenhauses in Allentown erinnert. Sie atmet seinen Duft ein und ihr Herz weitet sich, ob der Gefühle, die sie übermannen.

 

Mulder's Augen scheinen noch mehr als sonst zu hängen und sie erkennt dass er wieder müde wird. Sie streicht mit dem Finger über die Kurve seiner Unterlippe. "Wir sind irgendwie zusammengewachsen, nicht wahr, Scully?" flüstert er undeutlich. "Wie Moos, oder Efeu, oder vielleicht..."

 

"Ich glaube, dass du ins Bett gehörst," murmelt sie.

 

"Versprochen," grinst er.

 

Sie hilft ihm aufzustehen und er schwankt in Richtung Schlafzimmer, wie ein Mann der einen Drink zu viel gehabt hat. Nachdem sie sich T-Shirt und Leggins angezogen hat, klettert sie neben ihn und schmiegt sich an seinen warmen Rücken.

 

Im Halbschlaf murmelt Mulder: "Weißt Du was meine größte Angst ist?"

 

Sie reibt seinen Nacken mit ihrer Nase und fragt: "Was?"

 

"Ohne dich zu leben..." Seine Stimme schwindet und er fällt ihn tiefen Schlaf.

 

So geht es mir auch, denkt sie und hört seinem Atem in der Dunkelheit zu.

 

Nach ein paar Minuten, klettert sie wieder aus dem Bett und zieht ihren Flanellbademantel an. In der Küche schenkt sie sich ein Glas Pinot Noir ein, das sie mit ins Wohnzimmer nimmt, welches nur vom sanften Leuchten des Weihnachstbaumes erhellt wird. Sie nimmt die Geschenke, die sie aus Washington hergeschleppt hat, aus dem Wandschrank und breitet sie sorgfältig unter den Zweigen des Baumes aus.

 

Lange Zeit steht sie am Fenster, ihren Wein trinkend und auf den Lone Mountain starrend. 'Gib uns Zeit,' fleht sie ihren Gott an, ein Gebet, das ihr inzwischen so vertraut ist, wie das Vater Unser oder das Ave Maria.

 

Gott, gib' uns Zeit.

 

 

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Spring – Frühling

 

Scully's leises Stöhnen reißt ihn aus dem Schlaf.

 

Er lehnt sich hinüber und schaltet die Nachttischlampe an. Sie liegt auf der Seite, zusammengerollt, die Hände auf den Augen, wimmernd wie ein verwundetes Tier. Mit klopfendem Herzen streichelt er ihre Schulter. "Scully?" sagt er leise. "Hey Scully, wach' auf." Sie wirft ihren Kopf wild auf dem Kissen hin und her. "Ein böser Traum," flüstert er in ihr Ohr. "Es ist nur ein böser Traum."

 

Sie setzt sich auf, schwer atmend vom Adrenalinrausch ihres Alptraumes. Tränen strömen über ihr Gesicht. "W.. wo?" stottert sie.

 

Er lehnt sich noch näher an sie und reibt ihren feuchten Rücken. "Du bist in deinem Bett," erklärt er geduldig, so wie sie es immer tut, wenn er aus einem Alptraum aufwacht. Er hat es bisher noch nicht erlebt, dass sie einen hatte.

 

Scully atmet tief aus. "Oh Gott," seufzt sie, den Kopf schüttelnd und heftig blinzelnd.

 

Er streicht ihr weiter mit kleinen Kreisen über dne Rücken und fragt: "Bist du in Ordnung?"

 

Sie nickt.

 

 

"Möchtest du darüber reden?"

 

Ein entschiedenes Kopfschütteln ist ihre Antwort.

 

"Komm' schon, Scully, es wird dir helfen, darüber zu reden."

 

Ein weiteres Kopfschütteln. "Ich bin okay."

 

Ja, sicher. Ihre Standardantwort für alle Sorgen. Sie ist okay. Scully ist immer okay, nicht mal ein Haar, das nicht an seinem Platz wäre.

 

Sie steht auf und zieht das verknitterte T-Shirt runter. "Ich brauche was zu trinken," sagt sie und verläßt das Schlafzimmer.

 

Mulder läßt sich in die Kissen zurückfallen und wirft einen Blick auf den Radiowecker. Es ist 3:52 morgends, die magische Zeit, wenn die Alpträume kommen.

 

Anders als er, ist Scully eine ruhige Schläferin. Sobald ihr Kopf aufs Kissen trifft, ist sie weg und bewegt sich bis zum Klingeln des Weckers kaum mehr. Er ist derjenige, der oft nachts wie ein Geist umherwandert. Oft gibt er den Gedanken an Schlaf ganz auf, und macht es sich auf der Couch bequem, bis der Schwachsinn der Talk-Shows in wieder in den Schlaf lullen. Scully hat gelernt, deswegen nicht beleidigt zu sein. So funktioniert er manchmal eben.

 

Der Gedanke, dass Schlaf für sie auch kein sicherer Ort ist, dass Alpträume auch ein Teil ihres Lebens sind, macht ihn traurig. Sie hat sicher genug Alptraum-Stoff für mehrere Frauen.

 

Schuldgefühle plagen ihn. Das Leben mit mir sorgt dafür, dass sie stöhnend aus dem Schlaf schreckt, denkt er.

 

Natürlich verdient Scully etwas besseres. Ein Mann, zu dem sie sich flüchten kann, der ihr Sicherheit vor der Gefahr bietet. Warum sie nicht bei Skinner geblieben ist, ist ihm noch immer teilweise ein Rätsel.

 

Immer wieder hat sie ihm geduldig gesagt, dass sie nichts bereut, aber das heißt nicht, dass er nicht seinen Teil an Reue trägt. Wegen ihm sind ihre Gesundheit und ihr Glück bedroht gewesen, ist ihr ihre Sicherheit genommen worden, ebenso wie ihre Fruchtbarkeit und ihre Erinnerung.

 

Er versteht nicht, warum sie bleibt.

 

Wenn er weniger selbstsüchtig wäre, würde er es beenden, aber das kann er nicht. Er braucht sie zu sehr.

 

Sein widersprüchliches Ego sagt, ihm er solle aufhören, so ein Idiot zu sein, sie habe sich für ihn entschieden. Wenn sie gehen wollte, würde sie gehen. Sie war schon immer eine ehrliche Seele.

 

Beruhigt lächelt er. Sie liebt ihn. Gott allein weiß warum, aber sie liebt ihn.

 

Ein weiterer Blick auf die Uhr verrät ihm, dass bereits 15 Minuten vergangen sind, seit Scully sich ein Glas Wasser holen wollte. Er verläßt das Bett und zieht sich Jogginghose und T-Shirt über, die er auf den Stuhl geworfen hatte, und geht ins Wohnzimmer. Eine der Lampen ist an, aber sie ist nicht da, auch nicht in der Küche, oder im Badezimmer.

 

Beunruhigt, schnappt sich Mulder seine Schlüssel und verläßt die Wohnung. Er findet sie auf den Stufen des Gebäudes, in ihr rotes Sweatshirt gegen die Kühle der Märzluft, gehüllt.

 

Ihre Knie sind hochgezogen und ihr Kinn ruht in ihrer hohlen Hand. Er setzt sich neben sie und berührt ihre Schulter. "Hi," sagt er.

 

Sie dreht sich zu ihm, ihr Gesicht voller Tränenspuren, ist deutlich im Licht erkennbar. "Hi," gibt sie zurück.

 

"Ich wollte nur sichergehen, dass es dir gut geht."

 

Scully nickt. "Ich habe nur nachgedacht."

 

"Möchtest du es mir sagen?"

 

Sie schließt die Augen. "Nein, ich muß jetzt alleine sein."

 

Er streckt die Hand aus und berührt ihre Wange. "Ich denke, du wirst dich besser fühlen, wenn du mit mir sprichst," sagt er, frustriert darüber, dass sie sich nicht öffnen will.

 

Sie wendet sich aprubt ab und seufzt. "Mulder, bitte respektiere meinen Wunsch alleine zu sein und geh' ins Bett zurück."

 

Er seufzt ebenfalls. "Scully, komm' schon."

 

Dieses Mal ist der Ausdruck in ihrem Gesicht ärgerlich. "Mulder," sagt sie mit unmißverständlich warnendem Tonfall.

 

"Gut," sagt er, beleidigt und zieht sich zurück.

 

Im Wohnzimmer, läßt er sich auf dem Sofa nieder und schaltet ganz automatisch den Fernseher ein. Jerry Springer erscheint, wo sich zwei fette Frauen wegen eines dürren Typen mit Schnurrbart anschreien. Mulder lehnt sich in die Kissen zurück und bedeckt seine Beine mit dem wollenen Überwurf.

 

Er schämt sich ein wenig, dass er sie bedrängt hat, mehr von sich preiszugeben, als sie bereit war, aber er er wünscht sich, dass sie ihm nach so vielen gemeinsamen Jahren, nicht nur mit Körper und Seele vertrauen würde, sondern auch was ihre Ängste angeht. Scully kennt seine Dämonen so gut, aber er hat noch immer kaum Ahnung, was sich hinter ihrem ruhigen Äußeren verbirgt.

 

Laß mich daran teilhaben.

 

Die Tür geht auf, Scully kommt herein und verschwindet im Schlafzimmer, ohne auch nur in seine Richtung zu schauen. Mulder wartet eine Minute, dann schaltet er den Fernseher und das Licht aus.

 

Es ist dunkel im Schlafzimmer und er kann die Form ihres zierlichen Körpers gerade noch unter der Decke erkennen. Er verhält kurz in der Tür und fragt sich, ob es vielleicht besser wäre, einfach nach Hause zu gehen. Nein, denkt er, es ist Zeit, sich wie ein Mann zu verhalten, und in guten Zeiten genauso wie in schlechten da zu sein. Er zieht seine Jogginghose aus und klettert ins Bett.

 

Scully bewegt sich, dreht sich auf den Bauch. Er erstarrt, weiß nicht, was er tun soll. Soll er noch einmal versuchen, sie zu trösten, oder soll er ihren Wunsch nach Privatsphäre nachkommen? Manchmal wünscht er sich, die Geliebt wäre mit Gebrauchsanweisung ausgestattet, so dass er immer sicher sein könnte, das richtige zu tun oder zu sagen. Für einen Mann seines Alters hat er noch immer große Schwierigkeiten, das Rätsel Frau, das Rätsel Scully zu entschlüsseln.

 

"Du hast mich verlassen," murmelt sie in ihr Kissen.

 

Er fragt sich, ob er richtig gehört hat. "Ich habe was getan?"

 

Sie hebt den Kopf. "In meinem Traum. Du hast mich verlassen."

 

"Warum habe ich das getan?"

 

Sie ist lange still und ihre Stille scheint den Raum zu füllen, ein eigenes Wesen zu werden, das lebt und mit ihnen atmet. Sie bewegt sich wieder, dreht sich auf den Rücken und bedeckt ihr Gesicht mit den Armen. Ihre Stimme ist leise und seltsam tonlos, als sie im endlich antwortet. "Ich bin unfruchtbar, Mulder."

 

Er seufzt und Traurikeit läßt sich schwer auf ihm nieder. "Ich weiß." Natürlich tut er das, er wußte es schon lange vor ihr, ein weiteres auf einer langen Liste von Verbrechen gegen sie.

 

"Eines Tages wirst du mich deswegen verlassen," sagt sie mit tonloser Stimme.

 

Er dreht sich auf die Seite und schaut sie an. "Denkst du das wirklich?"

 

"Ich weiß es."

 

 

"Das kannst du unmöglich wissen."

 

Sie setzt sich auf und fährt sich mit den Händen durchs Haar. "Mulder, die Zeugung ist ein grundlegender menschlicher Instinkt. Eines Tages wirst du ein Kind wollen und ich kann es dir nicht geben."

 

Er setzt sich ebenfalls auf und zieht sie an sich, so dass sie zwischen seinen Beinen sitzt. "Habe ich je gesagt, dass ich ein Kind will?" sagt er an ihrem weichen Nacken.

 

Sie beugt den Kopf vor. "Du wirst."

 

"Du nimmst an, eine ganze Menge über meine Motive zu wissen."

 

"Ich bin bloss realistisch."

 

Er küsst sie seitlich auf den Hals und sie zuckt zusammen. "Nein," sagt er und bemüht sich ruhig zu klingen. "Du hast Angst und du hast auch das Recht Angst zu haben."

 

Scully's Stimme klingt erschöpft. "Mulder, im Moment bin ich ärgerlich. Nicht mit dir, aber mit der Tatsache, dass mir die Fähigkeit Kinder zu haben genommen wurde. Ich habe früher nie viel darüber nachgedacht, weißt du? Ich nahm an, dass wenn ich mich für ein Kind entschiede, dann würde ich eines bekommen." Ihr Stimme wird schriller und er kann raushören, wie sie die Tränen zu ersticken versucht. "Ich weiß nicht mal, ob ich überhaupt Kinder haben möchte, aber jetzt habe ich nicht mal mehr die Wahl. Die wurde mir gegen meinen Willen genommen."

 

Er schlingt die Arme enger um sie und zieht sie näher. Diesmal wehrt sie sich nicht. "Ich weiß," sagt er, bemüht sie zu beruhigen. "Ich bin auch ärgerlich. Das hast du nicht verdient. Keine Frau hat das verdient. Du kannst so sauer sein, wie du willst."

 

Sie lehnt sich an seine Schulter und er riecht ihren normalen, köstlichen Duft nach Mandeln und Sex. Es kostet ihn große Anstrengung wegen ihrer Nähe nicht hart zu werden, jetzt im unpassendsten Moment. "Dich zu lieben macht es schwer, viel schwerer zu ertragen, Mulder."

 

Schuld schwirrt durch seinen Kopf wie ein bösartiger Geist. Er ringt um die richtigen Worte, aber nur die ehrlichen fallen ihm ein. "Ich wünschte ich könnte etwas sagen, damit alles für dich gut wird," sagt er. "Aber das kann ich nicht. Es gibt nichts. Ich kann gar nicht sagen, oder tun, um deinen Verlust wieder wettzumachen. Es gibt keine einfache Antwort. Alles was ich dir versichern kann ist, dass ob du Kinder haben kannst oder nicht, ich werde dich weiter lieben."

 

"Ich wünschte ich könnte das glauben."

 

 

Heiße Tränen stechen in seinen Augen. Hat sie so wenig vertrauen, nach all dem was sie miteinander durchgestanden haben? Er drückt sie kurz an sich und läßt sie dann los. "Scully, dreh' dich um," sagt er rauh.

 

Sei gehorcht wortlos. Er schaltet das Licht an und sie kneift die Augen zusammen. Er nimmt ihre zitternde Hand und legt sie auf seine Brust, erschrocken über das, was er ihr gleich sagen wird. "Scully, es gibt einen alten Schwur und den möchte ich leisten, auch wenn es keinen Geistlichen und keine Zeugen gibt." Er räuspert sich, sein Herz schlägt wie verrückt. Langsam und sicher gewinnt man, denkt er und fängt an zu sprechen. "In Reichtum und in Armut, in guten wie in schlechten Zeiten, in Krankheit wie in Gesundheit, bis dass der Tod uns scheidet."

 

Scully schließt die Augen und sitzt unendlich still. Er nimmt das schlimmste an, nämlich dass sie ihn nicht ernst genommen hat. Sie öffnet die Augen, in denen Tränen schimmern. "Du meinst das ernst," sagt sie.

 

Er nickt.

 

Sie lehnt ihre Stirn gegen seine, und als sie spricht ist ihre Stimmer wehmütig, aber er glaubt, dass er ein bisschen Hoffnung heraushört. "Bis das der Tod uns scheidet."

 

Er nimmt sie in die Arme und hält sie fest. Sie ist immer so stark, denkt er, die Macht die uns zusammenhält, und jetzt kann ich endlich dasselbe für sie tun. " Bis das der Tod uns scheidet," wiederholt er. "Meine Worte können deinen Schmerz nicht lindern, Scully, aber egal wohin das Leben uns führt, ich werde da sein."

 

Sie rutscht wieder auf die Seite. "Es wird nie leicht für uns sein, nicht wahr?"

 

Er schaltet das Licht aus und legt sich so hin, dass er sie sehen kann. "Wir sind auf einer seltsamen Reise, aber ich denke es ist es Wert."

 

"Das ist es," stimmt sie mit einem ernsten Nicken zu.

 

Er spürt ihren warmen Körper, der sich gegen seinen presst. "Ich bin froh, das wir nicht allein sind."

 

Mulder's letzte Gedanken, bevor er einschläft sind voller Dankbarkeit. Heute nacht hat sie ihm ihr geheimes Ich gezeit, und dafür kann er nur dankbar sein.

 

 

 


 

 

Summer – Sommer

 

Die Fliegentür fällt hinter ihm zu, als Mulder auf die Terrasse tritt. Scully steht am Tisch und betrachtet die Schweinerei, die sie produziert haben. Es sieht mehr aus, als wären acht Leute zum Abendessen da gewesen, als zwei Leute, die Shrimps und Salat genossen haben. Wie haben sie es wohl fertiggebracht, dass es jetzt so aussieht, fragt sie sich grinsend. Normalerweise würde sie jetzt aufräumen, das Geschirr wegräumen, die Tischdecke in die Waschmaschinen werfen, aber sie schüttelt den Kopf. Heute abend nicht. Es ist ein wundervoller Sommerabend, warm aber nicht drückend und auch die Mücken scheinen sich zurückzuhalten. Stattdessen bläst sie die Kerzen aus und schneidet sie zwei Stücke des Limonenkuchens ab, den sie auf dem Weg von Boston zum Cape gekauft haben.

 

Das hundert Jahre alte Holzhaus, das an einem Teich auf dem Cape liegt, gehört den Eltern ihrer Freundin Ellen, die es ihnen freundlicherweise für fünf Tage überlassen haben. Von der rückwärtigen Terrasse aus, kann man über das schimmernde Wasser des Marble Pond's sehen. Mulder sitzt auf der alten Korbcouch und starrt aufs Wasser. Er hat die Citronella-Fackeln an beiden Seite der Terrasse angezündet und die Luft riecht stark nach ihrem Rauch.

 

Sie setzt sich neben ihn auf das knirschende Korbmöbel. "Du siehst nachdenklich aus," sagt sie.

 

Er sieht überrascht auf, aus seinen Gedanken gerissen und lächelt sie an. "Wir sind nicht weit von Martha's Vinyard weg."

 

Oh, das hatte sie irgendwie vergessen. "Entschuldige," sagt sie, "wir hätten woanders hingehen sollen."

 

Seltsam, dass sie es immer ein klein wenig falsch machen.

 

Er nimmt ihre Hand. "Es ist okay," sagt er, "es bringt nur Erinnerungen zurück. Die Art, wie die Luft riecht. Ich kann mir was einbilden aber ich schwör dir, ich kann das Meer riechen."

 

Sie schnüffelt und bemerkt den salzigen Geruch. "Ich auch, wir sind nur ein paar Meilen entfernt."

 

Mulder stürzt sich auf den Limonenkuchen und verschlingt ihn mit ein paar Bissen. Sie ist immer wieder überrascht, wie viel Essen er in sich hineinschieben kann. Er ißt noch immer, wie der schlacksige Junge, der er einmal gewesen sein muß, der vor dem vollen Kühlschrank steht und sich bei seiner Mutter beklagt, dass es nichts zu essen gibt. Er schluckt und grinst sie an. "Nicht alle Erinnerungen sind schlecht," sagt er. "Nicht alles in meinem Leben war damals horrormäßig, auch nicht nach dem sie weg war."

 

 

 

Sie kaut auf ihrem wesentlich kleineren Stückchen Kuchen. "Wie war es damals?" fragt sie.

 

Er stellt den Teller auf den Boden und legt den Kopf schief, als ob er die Erinnerung heraufbeschören müsse. "Ruhig," sagt er dann. "Es war lange Zeit ruhig, wir alle hatten Angst, etwas zu sagen, etwas falsches zu sagen und die Wunden wieder zu öffnen."

 

So wie ich heute abend, denkt sie, schuldbewußt. "Es tut mir leid," sagt sie.

 

"Das du es erwähnt hast? Es ist in Ordnung, wirklich. Es ist lange her."

 

Aber immer noch in deinem Herzen, denkt sie. Er spricht wieder. "Irgendwann muß ich mich damit befassen."

 

"Womit?"

 

"Mit dem Haus meines Vaters in West Tisbury. Er hat es mir vermacht und es steht leer. Ich muß irgendwann mal hinfahren und es für den Verkauf vorbereiten."

 

"Ist das wirklich das, was du willst?"

 

Er nickt. "Dieses Haus hält wenig gute Erinnerungen. Es wird immer das Haus sein, in dem mein Vater ermordet wurde." Oh, Gott, jene Nacht, in der er sie anrief, seine Stimme zerschmettert und rauh vor Angst und Schmerz. Wie er in ihr Apartment gestolpert war, direkt vom Flughafen kommend, mit dem Blut seines Vaters bedeckt und vor Fieber brennend.

 

Scully starrt in die Dunkelheit, starrt auf die Mücken, die das Licht am Haus umkreisen. "Wir könnten morgen hinfahren," bietet sie vorsichtig an. "Wenn du bereit bist," verbessert sie.

 

Er schaut auf seine Hände und lächelt verlegen. "Ich weiß noch nicht," sagt er schlicht.

 

Sie lehnt sich an ihn. "Wenn du noch nicht bereit bist, dann müssen wir nicht. Das Haus geht nirgendwo hin."

 

Er küßt sie unendlich zärtlich auf die Wange. "Du verstehst," sagt er.

 

Sie nickt und lächelt ihn an. "Ich lerne dich zu verstehen."

 

Er nimmt ihre Hand und steht auf. "Was tust du?" fragt sie.

 

"Laß' uns zum Teich gehen," sagt er. Vorsichtig gehen sie den Steinpfad zum Steg hinunter, bis ganz ans Ende und bewundern das Leuchten der anderen Häuser, die sich auf der glatten Oberfläche spiegeln.

 

 

Scully atmet wieder die leichte Meeresbrise ein, vermischt mit dem vollen Duft des Teiches. Er legt den Arm um sie. "Es ist jetzt ein Jahr her," sagt er.

 

Im Dunkeln wird sie rot. Sie hat es nicht erwähnt, aber er erinnert sich, was der sechzehnte Juli bedeutet. Seitdem sind sie zusammen, nachdem sie alle Prüfungen und Versuchungen die je ein Mann und eine Frau kannten durchgestanden hatten. Die Nacht, in der sie ihn bei der Hand genommen hatte und in ihr dunkles Schlafzimmer führte. Die Nacht in der sie sich nackt gegengeüberstanden und gelächelt hatten. Die Nacht in der sie sich entschieden hatten, sich gegenseitig den Schmerz zu vergeben und ein neues Leben anzufangen. Oh, die Nacht, in der der Regen an die Fenster getrommelt hatte, und sie bei seiner Berührung aufgeschrien aufgeschrien hatte.

 

Sie lehnt den Kopf an seine Schulter und lächelt. "Ein Jahr," wiederholt sie.

 

Dreihundertfünfundsechzig Tage sind sie zusammen. Es kommt ihr länger vor. Es kommt ihr ewig vor.

 

"Selbe Zeit, auf diesem Steg nächstes Jahr?" fragt Mulder und seine Hand gleitet unter ihr T-Shirt und an ihrem nackten Rücken entlang.

 

"Ich werde die sein, die nach Nivea Soft riecht," lacht sie leise.

 

Er zieht sie an sich, küsst sie mit seinem Limonenmund, seine Lippen sind weich und nachgiebig. Sie macht sich von ihm los. "Was?" fragt er.

 

Sie nimmt seine Hand. "Laß' uns ins Bett gehen," sagt sie leise.

 

Hand in Hand gehen sie zurück, den Steinpfad entlang in das alte Haus.