Little Rock

von Dasha K. (dashak@visi.com)

 

Deutsche Übersetzung von DanaK35 (DanaK35@yahoo.com)

 

(dieser Teil der Geschichte findet im Januar statt, kurz nach den Ereignissen von Christmas Carol/Emily, und vor den Ereignissen von 'Red Valerian')

 

 

Teil 1 – Ein Hauch von Rot

 

~ Und die ganze Zeit, die ganze Zeit, meine Liebe

Bist du da, unter den Worten, über den Silben

Um den lebenswichtigen Rhythmus

Zu unterstreichen und zu betonen

Einer hörte das Rascheln eines Kleides

Das Rascheln vergangener Tage

Oft habe ich den Sinn und Ton

Deines nahenden Gedanken erahnt

Und in Dir ist die Jugend und Du erneuerst

Alte Dinge zitierend, die ich für Dich machte ~

Vladimir Nabokov

 

 

An einem Samstag morgen wacht er auf und beschließt, laufen zu gehen. Es ist ein warmer Oktobertag, der Himmel erstrahlt in prächtigem Blau. Laufen, genau das richtige um in aus seinem Tief zu heben, um ihn von seinem Bewusstsein zu befreien, indem er sich ganz seinem Körper widmet.

 

Er treibt sich an, die ruhigen Strassen von Alexandria entlang, und ist froh, dass er in seinem alter noch so gut in Form ist, dass er ohne Anstrengung die Strasse entlang rennen kann. Zum ersten Mal seit Monaten ist er zufrieden.

 

Auf einer Geschäftsstrasse, ein paar Meilen weiter, stoppt er, schwer atmend und schwitzend und geht in einen kleinen Supermarkt um eine Flasche Wasser zu kaufen. Als er aus dem Laden kommt, einen tiefen Schluck des kalten Wassers genießend, stoppt ihn ein Hauch von Rot.

 

Da sind sie, die beiden, beim Frühstück an einem Tisch draußen bei Michael's Café. 'Lauf, Skinner,' befiehlt ihm seine innere Stimme, 'mach dich davon, zum Teufel, bevor sie dich sehen,' aber stattdessen versteckt sich sein ungehorsamer Körper im Schutz eines großen Baumes.

 

'Das hier ist falsch,' denkt er, 'ich spioniere ihnen nach.'

 

Es spielt keine Rolle, sie würden ihn sowieso nicht sehen. Mulder und Scully sind völlig aufeinander fixiert. Eine Atomwaffe könnte weiter unten einschlagen und sie würden nicht einmal den Kopf heben.

 

Sie trägt ein blaues Herrenhemd, das riesig an ihr ist und ihr bis fast ans Knie reicht, die Ärmel bis zum Ellbogen aufgerollt. Mulder's Hemd, erkennt er. Ihr Haar ist nass und hinter die Ohren gestrichen und ihm fällt auf, dass Mulder ebenfalls nasses Haar hat. Sie scheinen in der Morgensonne zu glühen, ihre Wangen sind rosig, seine Augen leuchten, als er sich eine Gabel voll Pfannkuchen in den Mund schiebt. Sie sehen aus, als ob sie die ganze Nacht miteinander im Bett verbracht hätten, und er begreift, dass sie genau das getan haben. Er weiß, dass das seit Monaten eine Tatsache ist, aber er hat die harten Beweise noch nie mit eigenen Augen vor sich gesehen.

 

Skinner's Muskeln verkrampfen sich, als er sie beobachtet wie sie ihre Köpfe zusammen stecken, die Stirn sich fast berührend. Sogar über den Krach des Verkehrs und der hämmernden Raggae-Musik, die aus dem T-Shirt Laden nebenan dringt, kann er ihr glockenhelles Lachen hören. Scully's Lachen, so selten verteilt und so dankbar angenommen.

 

'Verschwinde hier endlich, zum Teufel,' wiederholt seine innere Stimme, dieses Mal lauter, aber es scheint, als ob der die Stärke sich zu bewegen, nicht finden könnte. Die Szene, die sich vor ihm abspielt fasziniert ihn auf absurde Weise.

 

'Sie ist glücklich,' denkt er und Bitterkeit steigt in ihm auf, 'ich konnte das nie für sie tun.' Sogar, wenn sie für ihn lächelte und lachte, wenn sie unter ihm kam, so stark, dass die Muskeln ihrer Schenkel Spuren auf seinem Körper hinterließen, sogar dann war sie noch immer von einer unmerklichen Aura der Melancholie umgeben.

 

'Schön für dich,' sagt er lautlos zu der Frau gegenüber. 'Wenn es das ist, was dich glücklich macht, dann ist alles, was ich tun kann, dir das Beste zu wünschen. Und wieder schwebt ihr Lachen über die Strasse und Mulder streicht ihr eine Locke ihres Haares aus dem Gesicht.

 

Skinner lässt die halbvolle Flasche Wasser in einen nahen Abfalleimer fallen und rennt los, in vollem Sprint, bis er sein Gebäude erreicht.

 

Nachdem er geduscht hat, steht Skinner nackt und triefend vor dem Panoramafenster des Wohnzimmers und bemerkt nicht mal dass er den Teppich durchweicht.

 

'Drei Monate,' denkt er. 'Es ist jetzt drei Monate her und welchen Fortschritt habe ich gemacht? Zwei Schritte vorwärts und einen zurück,' sagt er sich. 'Heute hast du einen weiteren Schritt rückwärts getan, aber dass heißt nicht, dass du morgen nicht schon einen nach vorne machen kannst. Weg von ihr, weg von Little Rock.'

 

 

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Im Flugzeug, zog Skinner eine Grimasse, als er versuchte für seine langen Beine eine bequeme Position zu finden. 'Was ist aus der ruhigen alten Zeit geworden,' dachte er, 'als Assistant Director des FBI noch Erste Klasse reiste?' Verdammt seien die Kürzungen im Budget. Er hatte so kurzfristig nicht mal einen Direktflug bekommen können und musste nun in Atlanta umsteigen.

 

Es war Samstag abend. Er hätte bei Bill Shepperton sein sollen, und das Basketballspiel auf dessen Großbild Fernseher anschauen sollen, stattdessen saß er in einem Flugzeug, auf dem Weg nach Little Rock, Arkansas, um einen riesigen Schlamassel aufzuklären.

 

Wenigstens war es diesmal nicht die Schuld seiner "Spielzeugagenten", wie der Direktor Mulder und Scully gerne nannte. Es ging um Mike McGreavy, den leitenden Spezialagenten des Büros in Little Rock. Die Beweise wiesen verstärkt darauf hin, dass der Hauptverdächtige einer Reihe grausamer Kindermorde in Arkansas und Oklahoma, der Schwager des leitenden Spezialagenten war. Es wurde darauf hingewiesen, dass es eine Vertuschung seitens des FBI Büros geben müsse, ein unheiliger Schlamassel, zu dessen r zur Aufklärung Skinner hingeschickt worden war. Er nippte an seinem lächerlich kleinen Orangensaft und fragte sich, wann er wohl der FBI Hausmeister und Putzmann geworden war. Aber, Pflicht war Pflicht und Skinner war ein Mann, der die Pflicht verstand.

 

Das Flugzeug landete und Skinner nahm ein Taxi ins Holiday Inn, wo seine Agenten ebenfalls abgestiegen waren. Ein beißend kalter Regen prasselte auf ihn nieder in den zwei Sekunden, die er brauchte um aus dem Taxi ins Hotel zu stürzen.

 

Nachdem er seinen Koffer in seinem Zimmer deponiert hatte, ging er ein Stockwerk höher um Mulder und Scully zu finden. Er versuchte es zuerst mit Scully's Zimmer, wissend, dass die beiden normalerweise während eines Falls in ihrem Raum Quartier bezogen, da ihrer der ordentlichere war. Nicht zum ersten Mal fragte er sich, ob seine zwei Agenten eine Affäre hatten. Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte des FBI's, dass so was passierte. Das Büro in LA wurde sogar im ganzen FBI als die "Single Bar" bezeichnet. Irgend etwas sagte ihm jedoch, dass dies hier nicht der Fall war. Irgendwas in der Intensität der Blicke zwischen Mulder und Scully, wies darauf hin, dass es da zwar reichlich Gefühle gab, diese aber zum großen Teil unausgesprochen blieben.

 

Es dauerte eine Weile, bis Scully zur Tür kam und einen kurzen Moment war er besorgt, dass er was Mulder und Scully betraf, völlig falsch gelegen hatte und er gerade etwas unterbrochen hatte. Dann endlich öffnete sich die Türe langsam und sie stand vor ihm, nur mit einem Bademantel aus dünner, blau-weiß gestreifter Baumwolle bekleidet. Skinner war etwas beunruhigt, hatte er sie doch noch nie anders als in ihren professionellen Kostümen gesehen, außer, wenn sie im Krankenhaus gewesen war. Er verhaspelte sich mit seinem Gruß. "Agent Scully, störe ich Sie?"

 

Sie schüttelte den Kopf und da bemerkte er, dass ihre Augen rot und geschwollen waren. 'Nun,' dachte er, 'die stoische Scully weint doch.'

 

"Darf ich herein kommen?" Fragte er.

 

Ihre Stimme klang ungewöhnlich rauh und er fragte sich, ob sie vielleicht erkältet war. "Sicher." Sie öffnete die Tür weiter und gebot ihm einzutreten. Zu seiner Überraschung war Mulder nicht anwesend.

 

Als ob sie seine Gedanken gelesen hätte, sagte Scully: "Mulder ist schon vor ein paar Stunden ins Bett gegangen. Er hat während dieses Falles nicht viel geschlafen."

 

Der Raum war ordentlich wie ein OP, aber es gab kleine Hinweise auf ihre Anwesenheit – ein blauer Schal, in einem durchsichtigen Haufen der auf der Kommode, drei Weihekerzen, auf dem kleinen runden Tisch am Fenster arrangiert, eine Taschenbuchausgabe von Nabakov's "Pale Fire" auf dem Nachttisch, daneben eine Brille. Skinner setzte sich auf den Rand eines der Stühle, während Scully sich auf dem Bett niederließ, die Beine unterschlagen.

 

 

 

Er sprach als erster, seine Stimme klang unerklärlich blechern und hohl in seinen Ohren. "Wie geht der Fall voran?"

 

Scully starrte auf ihre Hände, die in ihrem Schoss gefaltet lagen und sprach für einen langen Moment nicht. "Er ist schwierig," sagte sie schließlich. "Nach all der Zeit kann ich mit Kindermorden noch immer nicht umgehen." Sie schaute zu ihm auf und zum ersten Mal bemerkte Skinner, wie blau ihre Augen tatsächlich waren.

 

"Wenigstens ist David Mueller verhaftet worden."

 

Sie schnaufte, als habe sie die Luft angehalten. "Das ist es ja, was dieses Fall so verhasst macht. Mulder und ich haben Beweise, dass die Jungs hier ihn schon vor fünf Wochen verdächtigt hatten, aber McGreavy hat wichtige Beweise aus Mueller's Haus zerstört. Es waren drei Kinder, während dieser fünf Wochen. Zwei Jungs im Alter von fünf Jahren und ein vierjähriges Mädchen."

 

Skinner schüttelte den Kopf. "Ich hätte nie gedacht, dass McGreavy zu so etwas fähig sein könnte. Ich habe mit ihm in Boston zusammengearbeitet und er erschien mir wie ein Mann von Ehre..."

 

"Das ist es ja, Sir, ich fange an zu glauben, dass es in dieser Welt keine Ehrenmänner mehr gibt..." Ihre Stimme wurde leiser und ihre Hände fuhren das Muster der Tagesdecke nach. "Es ist nur ein endloser Kreis von Lügen, Verschwörung und Verstecken der Wahrheit."

 

Was war aus der idealistischen jungen Frau mit dem frischen Gesicht geworden, die für dieses Projekt aus Quantico rekrutiert worden war? Die Frau, die hier vor ihm saß, war spröde vor Müdigkeit, sie saß leicht gebeugt da, als ob sie Schmerzen hätte. Er hatte den Drang sie in den Arm zu nehmen, zu versuchen, ihren Schmerz zu lindern, aber er wußte das dieser Drang der reine Irrsinn war. Dana Scully war eine Frau, die sich fast völlig auf das von ihr geformte Selbstbild von Stärke und Kompetenz stützte. Er würde dieses einzige, was sie in der Welt hatte, nicht sabotieren.

 

Scully stand auf und sagte, "Es tut mir leid, aber ich möchte den Fall heute abend nicht mehr diskutieren. Morgen, nachdem ich Kaffee und Frühstück gehabt habe, ja, aber was ist jetzt möchte, ist etwas zu trinken." Sie legte den Kopf schief und sah in an. "Möchten Sie mir Gesellschaft leisten?"

 

Er nickte und ihm wurde plötzlich bewusst, dass er sich alleine mit ihr in einem Hotelzimmer befand, nicht in der Sicherheit seines oder ihres Büros. Einem Raum, der nur zwei Stühle, einen Schreibtisch, eine Kommode und einen kleinen Tisch enthielt. Und, oh ja, ein französisches Bett. Die nähe dieses Bettes, des Bettes auf dem sie gerade noch gesessen hatte, sorgte dafür, dass ihm die Haare im Nacken zu Berge standen.

 

'Du kannst nicht leugnen, dass du sie von Anfang an gewollt hast,' sagte er sich. Natürlich tat er das, sie war eine schöne Frau, brillant in ihrer unterkühlten Art, aber er hatte sie immer nur von der Ferne begehrt, als sei sie ein Model oder Filmstar, so unberührbar, wie eine iranische Frau, die in ihren Tschador gehüllt war. Jetzt war Scully die dreidimensionale Realität, angetan nur mit einem dünnen Bademantel, in der Minibar nach einem Drink wühlend. Er konnte den leichten Duft von Mandeln, der von ihrem Körper ausging wahrnehmen.

 

Sie hob ihrem Kopf aus dem Kühlschrank, rot-goldenes Haar fiel auf ihre Wange. "Ist Wodka OK?"

 

"Gut," sagte er, mehr gegrunzt als wirklich ausgesprochen.

 

Sie stellte zwei kleine Flaschen Stolichnaya auf den hölzernen Tisch, zusammen mit einer Flasche Orangensaft. "Könnten Sie uns etwas Eis besorgen?" Fragte sie mit leiser Stimme.

 

Ohne ein Wort nahm Skinner den Eiskübel von der Kommoder und verließ den Raum. 'Verschwinde hier, zum Teufel, dachte er, sobald er die Tür hinter sich zugeschlagen hatte, 'geh zurück in dein Zimmer, wo du hingehörst.' Aber er zuckte nur mit den Schultern und ging weiter den Gang hinunter zur Eismaschine. Er war ein Mann, der stolz auf seine Selbstkontrolle war. 'Es ist sicher,' dachte er, 'es wird nichts passieren, gar nichts.'

 

 

 


 

Teil II – In der Schublade und über dem Tisch

 

Jetzt, spioniere ich nach Schönheit, wie niemand zuvor

Jemals danach spioniert hat. Jetzt werde ich aufschreien

Wie niemals zuvor jemand aufgeschrien hat. Jetzt werde ich versuchen

Was niemals jemand versucht hat. Jetzt werde ich tun, was niemand zuvor getan hat.

Vladimir Nabokov

 

 

Monate später, in Alexandria, verzieht Skinner das Gesicht, wegen seiner Naivität. Wie wenig er sei damals kannte, wie wenig er sich selbst kannte. Er war kurz davor gewesen, eine fatale Ausbildung zu erhalten.

 

Während er sich anzieht, bedenkt er, wie interessant es doch ist, dass ein Mann es fast nie erkennt, wenn sein Leben kurz davor steht, sich komplett zu ändern.

 

In der verschlossenen Schublade seines Schreibtisches zu Hause, liegt Skinner's bestgehütetes Geheimnis versteckt. Ganz hinten, unter Ordnern und Steuererklärungen liegt eine kleine, mit Samt überzogene Schachtel.

 

In einem Anfall ungezügelten Optimismus, ein paar Wochen nach Little Rock, fand sich Skinner bei Tiffany's wieder, wo er einen großen Teil seiner Ersparnisse für ein Geschenk für sie hinblätterte. Jetzt hält er die winzige Schachtel in seinen großen Händen, zu ängstlich, sie zu öffnen. Nach ein paar atemlosen Momenten nimmt er seinen Mut zusammen, öffnet sie und blickt auf die zierlichen Ohrringe aus Platin, mit Saphiren, die von einem Kranz aus Diamanten umgeben sind.

 

Er hat nie den richtigen Zeitpunkt gefunden, sie ihr zu geben.

 

Er schließt den Deckel wieder und versteckt die Schachtel wieder in der Schublade. Er erträgt es noch nicht, die Ohrringe wieder zurückzubringen.

 

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Als er ins Zimmer zurückkam, saß Scully am Tisch und ließ eine der winzigen Wodkaflaschen darüber rollen. Sie sah zu ihm auf und schien  für einen Moment überrascht, ihn mit einem Eiskübel da stehen zu sehen. "Wie hätten Sie's denn gern?" Fragte sie.

 

Sein Mund öffnete sich. Worauf spielte sie an? Oh, ja, den Wodka. "Mit Saft ist OK."

 

Sie grinste. "Schön, einen Mann zu treffen, der sich seiner Männlichkeit sicher genug ist, einen Screwdriver zu trinken. Einige Jungs, die ich kenne, trinken Wodka pur, nur im nicht als Memme dazustehen."

 

Lachend setzte er sich ihr gegenüber an den Tisch. "Und wie trinkt Mulder seinen Wodka?"

 

Sie zuckte mit den Schultern und schaufelte Eis in zwei der typischen Hotelgläser. "Ich weiß nicht, soviel ich weiß, habe ich mit ihm noch nie Wodka getrunken."

 

Für einen kurzen Moment fühlte er sich, als ob er etwas besonderes wäre. "Und wie würde er ihn trinken, wenn er ihn mit Ihnen trinken würde?" Auf was wollte er hinaus, fragte er sich selbst.

 

"Mulder?" Sie lächelte, das erste echte Lächeln, das er seit Monaten sah. Schade eigentlich, sie hatte hübsche Zähne, gleichmäßig und weiß in ihrem reizenden Mund. "Er würde den Orangensaft nehmen."

 

Skinner rutschte auf seinem Stuhl herum und nahm den Drink an, den sie ihm reichte. Er war so stark, dass er das Gesicht verziehen wollte, aber er zwang sich ruhig zu bleiben. "Darf ich Sie etwas persönliches fragen?" Fragte er und wollte die Worte sogleich wieder zurücknehmen.

 

Sie schaute auf und da war dieses Lächeln wieder. "Sie wollen wissen, ob wir etwas miteinander haben."

 

"Ich bin neugierig, obwohl es mich nichts angeht." Er hoffte verzweifelt, ihr nicht zu Nahe getreten zu sein.

 

Dieses Mal beehrte sie ihn mit einem Lachen, einem seltsam unpassenden Laut aus ihrem noch immer tränenüberströmten Gesicht. "Sicher geht es Sie etwas an. Sie sind mein Vorgesetzter und wir wissen beide, dass es nicht gerade den Regeln entspricht, mit seinem Partner zu schlafen."

 

"Soll ich das als ein 'kein Kommentar' auffassen?"

 

Eine geschwungene rote Augenbraue zuckte nach oben und sie stellte ihr Glas mit einem Knall auf den wackligen Sperrholztisch. "Sie können das auffassen, wie sie wollen."

 

Er glaubt kurz einen flirtenden Unterton in ihrer Stimme zu hören, aber er verdrängte den Gedanken als reisemüde Sinne, die ihm was vormachten. Er nahm einen weiteren Schluck von seinem Drink und fühlte die Wärme des Alkohols, die sich auf seiner Brust, Armen und Beinen breit machte. Skinner war kein Gewohnheitstrinker und der starke Alkohol sorgte dafür, dass er schnell leichtsinnig wurde. 'Hör auf,' dachte er, 'hör auf zu trinken, bevor du den Alkohol als Entschuldigung nimmst.' Und dann, zu seinem eigenen Entsetzen wurde er steif, hier am Tisch mit Special Agent Dana Scully. Seiner Angestellten, seiner Agentin. 'Nein, nein, nein, geh' zurück in Dein Zimmer,' schrie sein Gewissen, aber er stattdessen griff er über den Tisch und schenkte ihnen beiden noch einen Drink ein.

 

 

Scully lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und fuhr sich mit der Hand durch ihr Haar. 'Ich frage mich, wie sich ihr Haar anfühlt,' dachte er durch seinen Alkoholnebel. "Das habe ich gebraucht," sagte sie, ihre Stimme noch nicht schleppend, aber langsamer, seidiger als normalerweise.

 

'Das IST eine unglaublich schlechte Situation,' der Gedanke schoss durch Skinner's Kopf, aber es gab keinen anderen Ort an dem er im Moment lieber gewesen wäre. 'Schwere Entscheidung, du kannst in deiner Unterwäsche in deinem Zimmer CNN schauen, oder du kannst mit einer schönen Frau im Bademantel trinken.' 'Aber sie ist nicht irgendeine Frau,' mußte er sich ins Gedächtnis rufen, 'also denke an irgendein neutrales Gesprächsthema, irgendwas das die Spannung die zwischen uns im Raum hängt auflöst.' "Es scheint, als ob dieser Fall besonders schwer für sie wäre."

 

Ihre Mundwinkel zogen sich nach unten und eine steile Falte erschien zwischen ihren Brauen. Ihre Hand trommelte mit stetigem Rhythmus auf den Tisch ein. "Ich dachte, ich hätte Ihnen gesagt, ich wolle heute abend nicht mehr über den Fall sprechen."

 

Er fühlte die Hitze in seinem Gesicht und war beschämt, dass er das Thema angeschnitten hatte, das offensichtlich so schwer für sie war.

 

Er dachte kurz daran zurück, wie er früher am Tisch Sharon gegenüber gesessen hatte. In den ersten Jahre ihrer Ehe hatte er es nicht erwarten können, nach Hause zu ihr zu gehen, seinen Tag mit ihr zuteilen und ihr zuzuhören, wenn sie über den ihrigen sprach. Einfach nur in ihrer beruhigenden Gegenwart zu existieren. Langsam, sehr langsam wurde das zur Gewohnheit. Er ging zum Abendessen zu ihr nach Hause, weil das von ihm erwartet wurde. Er war ein verheirateter Mann und das taten verheiratete Männer am Ende eines Arbeitstages. In den letzten Jahren war das Abendessen mit Sharon zu einer ungemütlichen Übung geworden. Er konnte ihr nicht mehr viel von seinem Tag erzählen, da so vieles in seinem Job so surreal und geheim geworden war. Sie spielten mit ihrem Essen und versuchten die abgestandene Luft zwischen ihnen mit kleinen Gesprächsfetzen aufzufrischen. Eines Tages sah Skinner die Frau an, die ihm gegenüber saß und wußte, dass was immer sie siebzehn Jahre lang verbunden hatte, unwiederbringlich für immer getrennt war. Es gab nichts mehr zu sagen.

 

Jetzt saß er Scully gegenüber und plötzlich hatte er den irrationalen Wunsch ihr alles zu erzählen. Über seine Kindheit, seine Zeit in Vietnam, über den Handel, den er für ihres und Mulder's Leben geschlossen hatte.

 

Einmal hatte er für sie sogar seine Seele dem Teufel verkauft.

 

Er hatte vor dem Teufel gestanden, den Hut in der Hand, und hatte sich selbst angeboten, für ihre Gesundheit und Sicherheit, nicht für Liebe und Ehre, sondern weil es der einzige Weg war, die Hölle zu lindern, in die sie gestoßen worden war. Weil es das einzig richtige gewesen war.

 

Scully warf ihm einen abschätzenden Blick aus ihren blauen Augen zu. "Sind Sie in solchen Nächten jemals einsam?"

 

Er rutschte wieder auf seinem Stuhl hin und her. 'Das war einfach zu viel, dies war kein Thema, dass sie beide allein in einem Hotelzimmer vertiefen sollten.' Sein Kiefer schmerzte, sosehr presste er es zusammen. "Sicherlich," sagte er.

 

Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und die Falten ihres Kimonos öffneten sich leicht und ließen den Anblick ihrer weich gerundeten Brüste erahnen. "Ich möchte hier nicht sitzen und Ihnen mein Herz ausschütten. Ich bin darin nicht sehr gut." Sie unterbrach sich selbst indem sie einen Schluck ihres Drinks nahm.

 

"Sie können mir erzählen, was immer Sie wollen. Heute Nacht bin ich nicht als Ihr Vorgesetzter hier, sondern als Ihr Freund."

 

Sie zog ihre Augenbraue hoch und lachte leise. "Ich habe nicht mehr sehr viele Freunde. Dieses Leben lässt nicht mehr viel Platz für solchen Luxus."

 

Skinner dachte darüber nach, welches Leben sie hätte führen können, wenn sie den X-Akten nicht zugeteilt worden wäre. Eine prestige-trächtige Position als Kopf der Pathologie in Quantico, einen netten, intelligenten Ehemann und ein paar rothaarige Kinder. Einen Minibus und Fussballtraining.

 

Er räusperte sich. "Ich auch nicht," sagte er, "aber vielen Männern geht es so. Ich habe Freunde zum Golfen, zum trinken und für Sportveranstaltungen, aber wir unterhalten uns nicht."

 

Scully stützte lächelnd ihre Ellbogen auf den Tisch und er erkannte, dass er ihr genau in den Ausschnitt schauen konnte. Er schaute weg, er wollte diesen Anblick nicht, wer wollte den Beweis, dass sie wirklich eine Frau war, nicht. Eine Frau mit Brüsten, Kurven und süß duftender Haut. Ihre Lippen öffneten sich, noch immer feucht von ihrem Drink. "Was würdest du tun, wenn ich dich bäte mich zu küssen?"

 

Die Hitze stieg sein Gesicht abermals hoch. 'Mein Gott,' dachte er wild, 'ich werde wirklich rot.' Er nahm seine Brille ab und rieb sich die Augen. Was sollte er sagen? Was sollte er nur sagen? Dann endlich. "Ich würde denken, dass Sie ein bisschen betrunken sind und die Verwicklungen die dieser Aussage folgen könnten, nicht richtige einschätzen." Skinner musste sich anstrengen, seine Stimme gleichmäßig klingen zu lassen.

 

Ihr verzerrtes Bild schüttelte den Kopf. "Ich kenne die Verwicklungen und im Moment ist es mir egal. Eine der wichtigsten Dinge, die ich in den letzten fünf Jahren gelernt habe, ist wann es gilt die Regeln zu brechen."

 

Skinner musste an ihre Personalakte denken, fast drei Zentimeter dick und Mulder's, mindestens 10 Zentimeter. Er stand auf, im Begriff zu gehen, sein Rücken schmerzend, da er den halben Tag eingezwängt in der Touristenklasse verbracht hatte. "Wir können das nicht tun," sagte er mit einer Stimme, die mürrischer klang, als er das beabsichtigt hatte. Eine Stimme in seinem Innern protestierte, doch du kannst, du kannst, du kannst….

 

Scully stand ebenfalls auf, ihn ihrem Gesicht keine Spur von Scham oder Verlegenheit. Sie stand da, mit fast unmöglicher Balance, einen belustigten Ausdruck auf ihrem Gesicht. "Küss mich," flüsterte sie.

 

Und das tat er. Er brauchte fünf große Schritte um zu ihr zu gelangen, wo er ihren Kopf in die Hände nahm und sich zu ihr beugte um sie zu küssen. Es war ganz einfach. Es war nicht das Ende Welt, als seine Lippen die ihren streiften, als ihre Zungen sich berührten. Das Hotelzimmer stand noch, die Stadt Little Rock war in Ordnung.

 

Mit zitternden Fingern fand er den Gürtel ihres Bademantels und die baumwollenen Falten öffneten sich, als ihr heißer Körper sich an seinen noch immer bekleideten presste. Scully entzog sich seinem Kuss und sah mit glänzenden Augen zu ihm auf.

 

"Ich muss gehen," murmelte er, sich seiner Erregung fast schmerzlich bewusst.

 

Sie griff nach seiner Hand und presste sie an ihre erhitzte Wange, für ihn eine Geste unbeschreiblicher Zärtlichkeit. "Du musst hier bleiben," sagte sie in ihrem rauchigen Alt.

 

Er blieb.

 

Ohne Eile machte sie alle Lichter, außer der kleinen Nachttischlampe, aus. Mit ruhigen Händen schlug sie die Tagesdecke zurück und gab den Blick auf einen See weißer Leintücher frei auf denen er sie bettete, sich unbeholfen fühlend über ihrem so zerbrechlich erscheinenden Körper.

 

Doch damit endete ihr gemächliches Vorgehen und die Zeit selbst schien für Skinner schneller zu werden, als sie ihre Kleider Stück für Stück unachtsam auf den Boden warfen, bis sie sich Haut an Haut berührten. Er fing an zu lachen, eine tiefes Grollen in seiner nackten Brust, wegen der exquisiten Absurdität nackt mit Scully im Bett zu sein. Ihre Hand berührte seinen Mund und er hörte auf zu lachen.

 

Er begann, sie zu verschlingen und sie ihn, in einem Strudel von Mündern, die warme Haut berührten, Fingern und Zungen, die unentdecktes Land erkundeten und überraschende Stellen der Lust fanden, seinen Ellbogen, ihren Spann. Gott, die weiche, weibliche Haut unter seinen Fingerspitzen, ihr Atem an seinem Ohr, der starke Griff ihrer Finger an seinem Hintern. Sie setzte sich plötzlich auf und wühlte in ihrer Handtasche die neben dem Bett stand. Sie gab ihm ein eingeschweißtes Päckchen und hauchte, "Jetzt."

 

In protestierendem Ton sagte er. "Aber ich wollte,….."

 

 

Scully unterbrach ihn. "Jetzt", sagte sie herrisch und legte sich in die Kissen zurück.

 

Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, bis er das Kondompäckchen geöffnet hatte und er fürchtete für eine Sekunde, seine Erektion zu verlieren, bis er einen Blick auf die ausladenden, rosigen Kurven der Frau warf, die auf ihn wartete. Er hatte nur zweimal Gelegenheit gehabt, Kondome zu benutzen, in den längst vergangenen Zeiten in Bangkok, als er die engen, übervölkerten Strassen des Patpong Viertels durchwanderte, ein Päckchen mit vom Militär gestellten Gummis in der Tasche. Er fühlte sich wieder wie ein fummelnder Teenager als er den Latex über seinem Penis glättete, aber er fühlte sich auch unerträglich aufgeregt.

 

So ausgestattet, glitt er zwischen ihre weichen Schenkel. "Bist du dir sicher?" Fragte er.

 

Scully's Mund zuckte. "Ich bin sicher."

 

Mit einem einzigen, langsamen Stoß war er in ihr und er war verloren. Verloren im süßen Wahnsinn des Aktes, ihrer Wärme, ihrer Tiefe. Ihre Beine schlangen sich um seinen Rücken und er wurde tiefer in sie gezogen. Er fragte sich, ob man vor solcher Lust den Verstand verlieren könne.

 

Sie gab einen leisen Ton von sich, weder Seufzen noch Stöhnen und sein Mund fand den ihren. Ihren süßen, nach Wodka schmeckenden Mund, ihre Brüste, die sich gegen seine Brust hoben und senkten. Er fühlte den Druck in sich ins Unerträgliche steigen als er immer wieder in sie eindrang. 'Nein,' schrie er sich innerlich an, 'es ist zu früh,' aber sein Orgasmus explodierte in seinem Körper als er sich noch einmal ein sie presste und sein Stöhnen im seidigen Vorhang ihres Haares erstickte.

 

Als er den Kopf hob, fühlte er sich gedemütigt vor Scham. "Es tut mir so leid," sagte er, noch immer schwindelig. "Es ist eine Weile her…"

 

Warme Lippen berührten seine Schulter. "Mach' dir darüber keine Gedanken," sagte sie mit überraschend süßer Stimme. "Das erste Mal ist nie das Beste."

 

Die Bedeutung ihrer Worte sank in sein Bewusstsein. Es würde ein nächstes mal geben…

 

Ihm wurde bewusst, dass sein Gewicht noch immer auf ihre lastete und er zog sich zurück, rollte zur Seite und wurde das Kondom los. Er zog ihren warmen, schlüpfrigen Körper an sich. "Ich wollte das es wunderschön wird."

 

Sie kicherte, "Ich glaube, du bist ein Romantiker."

 

Er lachte. "Ich kann einer sein."

 

 

 

Ihr Ausdruck wurde ernst und sie berührte sein Gesicht mit einer Hand. "Ich kann dir nichts versprechen, Skinner."

 

"Ich weiß," sagte er seufzend

 

"Ich muss hiermit von Tag zu Tag fertig werden," sagte sie, ihre Stimme schleppend vor Müdigkeit.

 

"Ich weiß," wiederholte Skinner.

 

Scully war eingeschlafen, ihren Kopf auf seine Schulter gestützt. Der Duft ihrer Mandelseife umgab ihn.

 

Bevor er sich dem Schlaf hingab fühlte er einen Schauer über seinen Körper wandern. Er sah sich selber, wie er hilflos in den Abgrund stürzte.

 

Er hatte sich verliebt.

 

Er wußte nicht ob er sich freuen oder trauern sollte.

 

Und dann überkam ihn der Schlaf.

 

 

***************

 

Teil III – An der Tür

 

Obwohl ich die Erde erobere

Gibt es für mich nur eine Stadt

In dieser Stadt gibt es für mich nur ein Haus

Und in diesem Haus nur ein Zimmer

Und in diesem Zimmer ein Bett

Und eine Frau schläft darin

Die schimmernde Freude und das Juwel meines Königreiches.

Sanskrit Gedicht

 

 

Die Klingel an der Tür unterbricht Skinner's Grübelei. Wer könnte an einem Sonntag morgen vorbeikommen? Er erinnert sich an die Male, als er die Tür aufriss und es war Scully, ihr Gesicht zu einem Lächeln verzogen, eine Tasche über der Schulter. Er weiß, dass es diesmal nicht Scully ist. Sie ist es seit Monaten nicht gewesen.

 

Stattdessen öffnet er die Tür und es ist Sharon, einen riesigen Karton auf den Armen. "Hallo, Walter," sagt sie mit sanfter Stimme.

 

"Sharon, was für eine Überraschung." Es ist lange her, seit er seine Ex-Frau gesehen hat, seit ihre schwache Versöhnung fehlgeschlagen war. Sie sieht gut aus, ihre Nase von der Sonne mit Sommersprossen gesprenkelt, ihr Haar durch unauffälliges Gold aufgehellt. Da ist etwas neues um Sharon, etwas lebendiges und vor Energie funkelndes. 'Das ist es, was das Leben ohne mich aus einer Frau macht,' denkt er mürrisch.

 

Sharon lächelt ihn verlegen an. "Es tut mir leid, das ich hier einfach so auftauche, aber ich habe vor eine Weile versucht anzurufen und habe nur den Anrufbeantworter bekommen."

 

"Ich war laufen."

 

"Das dachte ich mir. Die Neuen ziehen nächste Woche ins Haus ein und ich wollte dir nur diese Schachtel mit deinem Zeug bringen. Ich dachte mir, falls du nicht da bist, könnte ich sie ja vor der Türe stehen lassen."

 

Er öffnet die Türe ein Stück weiter. "Komm' rein. Ich habe gerade Kaffee gemacht. Möchtest du welchen?"

 

Sie kommt herein und stellt erleichtert die Schachtel ab. "Eine Tasse Kaffee wäre toll."

 

Während Skinner den Kaffee eingießt, bemerkt er, dass er froh ist, Sharon zu sehen. Am Ende waren sie doch so freundschaftlich auseinander gegangen, wie es zwei Leuten möglich ist, die achtzehn Jahre miteinander verbracht hatten. Es gab keine hässlichen gegenseitigen Anschuldigungen, nur die Erkenntnis, dass ihr gemeinsames Leben langsame geendet hatte.

 

Im Wohnzimmer schaut Sharon aus dem großen Panoramafenster. "Eine schöne Wohnung, Walter. Ich bin froh, dass du dieses Mal ausgepackt hast."

 

Oh ja, sie hatte ja die andere Wohnung gesehen, die er während einer der peinlichsten Zeiten in seinem Leben gehabt hatte. Er reicht ihr einen Kaffeebecher und zuckt mit den Schultern. "Es ist OK, es genügt mir."

 

Sie setzt sich auf die grau-weiße Couch und rafft die Falten ihres Rockes um sich. "Ich habe dir einige deiner Bücher mitgebracht und das Hochzeitsalbum."

 

"Unser Hochzeitsalbum? Du möchtest es nicht behalten?" Die gemeinsamen Bilder der beiden, jung und aufgeregt über ein Leben zu zweit, Champagner trinkend und den Kuchen mit einem albernen Grinsen anschneidend.

 

Sharon's Stimme ist sanft. "Ich habe Kopien anfertigen lassen und jetzt haben wir zwei Hochzeitsfotoalben."

 

"Damals waren wir glücklich, nicht wahr?"

 

Sie nickt. "Die glücklichsten. Wir haben uns nur auseinander gelebt, das ist alles, ich versuche, das nicht als Fehlschlag, sondern als Umstand zu sehen."

 

Auch er nickt. "Und wie geht es dir, Sharon?"

 

"Mir geht es jeden Tag besser. Ich bin sehr beschäftigt und habe eine Menge neuer Klienten."

 

"Es freut mich das zu hören."

 

Ihre kühle Hand berührt leicht seine Wange. Es ist seltsam, dass sie ihn berührt und er nur den Trost dieser Geste spürt und nicht das aufwallende Verlangen. "Und wie geht es dir?"

 

"Ich bin da, arbeite die ganze Zeit, so wie du."

 

Sharon schüttelt den Kopf und sagt: "Du siehst traurig aus, Walter, ich kann nicht sagen warum aber du scheinst mir ein bisschen verloren."

 

Sharon konnte schon immer in ihm lesen. Diesmal beschließt er, ihr die Wahrheit zu sagen, mit ihr zu teilen, was ihm auf der Seele liegt. Ironischerweise kann er dies erst jetzt tun, wo das Band zwischen ihnen für immer getrennt wurde. "Es gab eine Menge Enttäuschungen in der letzten Zeit."

 

Ihr Mund verzieht sich zu einem leichten lächeln. "Eine Frau?"

 

"Jemand, der mir sehr wichtig war, ist fort."

 

"Es tut mir leid. Wirklich."

 

Skinner stellte seinen Becher klirrend auf den Tisch. "Mir auch. Ich hätte von Anfang an wissen sollen, das es mir ihr nichts werden würde, aber ich war blind."

 

"Nein," sagt Sharon und nimmt seine Hand. "Das hättest du nicht wissen können."

 

Er seufzt, eine Geste, die ihm neu ist. Er tut das in letzter Zeit recht häufig. "Was ist mit dir?"

 

"Mit mir?" Sharon tippt sich auf die Brust. "Noch keine gebrochenen Herzen. Ich bin ein paar Mal aus gewesen, aber mit niemand besonderem." Sie hält inne. "Es ist seltsam, wieder auf Dates zu gehen, nicht wahr? Es ist lange her, dass ich so nervös werden musste."

 

Seine erste Verabredung mit Sharon war in Minneapolis gewesen, als er ein junger Agent im dortigen Außenbüro gewesen war. Es hört sich lustig an, nach so vielen Jahren, aber sie waren Eislaufen gewesen. Es war natürlich ihre Idee gewesen. Später waren sie dann ins "Black Forest Inn" zu Abendessen gegangen. Er kann sich noch immer daran erinnern, wie Sharon sich die Schneeflocken aus dem dunklen Haar geschüttelt hatte, bevor sie in sein Auto eingestiegen war.

 

"Es ist seltsam," wiederholt er. Er und Scully waren natürlich nie verabredet gewesen. Sie waren von 0 auf 60 in fünf Schritten gegangen. Sie waren nie ins Kino oder zum Abendessen allein in ein Restaurant gegangen, waren nie Hand in Hand die Strasse entlang gegangen. Sie waren nicht mal alleine in einem Auto gewesen. "Heute abend habe ich eine Verabredung," sagt er und fühlt sich irgendwie dümmlich, das seiner Ex-Frau zu erzählen.

 

"Ich bin froh darüber, Walter," sie steht auf, "ich muss gehen, ich treffe Freunde zum Mittagessen."

 

Skinner steht ebenfalls auf. "Es war schön, dich zu sehen." Er küsst sie auf ihre noch immer glatte, noch immer liebliche Wange.

 

Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Pass' auf dich auf."

 

Und dann ist auch sie fort.

 

Das Apartment ist wieder einmal leer.

 

Vielleicht sollte er wieder umziehen. Diese fünf Zimmer sind voll von zu vielen Erinnerungen an die Frau, die er liebte. Scully kann nicht mehr als ein Dutzend mal bei ihm gewesen sein, aber ihr Geist wandelt noch immer über den Teppich. Die Couch, auf der sie sich zusammen gerollt hatte, um mit ihm einen Film anzuschauen. Die Dusche, in der ihre runde Mandelseife auf der Ablage gelegen hatte. Der Herd, an dem sie ihm einmal ein mitternächtliches Käse und Champignon Omelette gemacht hatte. Das weiße Kissen, auf dem eine letzte Spur, ein gewelltes, kupfernes Haar, von ihr zurückblieb.

 

Er hatte sie nicht lieben wollen, hatte das nicht vorgehabt. Skinner hatte weder die Zeit noch die Energie für etwas so einnehmendes wie Liebe. Vor allem für die Liebe zu der einen Frau, die er nicht haben konnte, nicht haben sollte.

 

Es war meine Torheit, denkt er mit einem weiteren Seufzen. Sie war meine große Extravaganz.

 

Er hat nie behauptet, irgendwelche übersinnlichen Kräfte zu haben, aber in der Nacht, nachdem sie gegangen war, in der Nacht als er sie Mulder mit ein paar vorsichtigen Worten gegeben hatte, in dieser Nacht war er nach Hause gekommen und hatte sich mit einem Bier auf die Couch niedergelassen. Nach der Hälfte des zweiten Bieres, wurde er plötzlich von einer Kälte überfallen, die seine Haut in Gänsehaut verwandelte. Da wußte er, das genau in diesem Moment Mulder und Scully eins waren. Er wußte, dass es vorbei war.

 

Zum ersten Mal in Jahren, hatte er geweint.

 

Zwei Schritte vorwärts und einen zurück, wiederholt er sich selbst, sein neues Mantra. Es wird besser werden.

 

Fast jeden Tag sieht er Scully die Labyrinth-artigen Gänge des FBI in hohen Schuhen entlang schreiten, ihr Gesicht ist glatt und entschlossen. In Meetings ist sie ruhig und grazil, während sie neben Mulder sitzt und aufmerksam zuhört. Er sieht sie fast jeden Tag, aber sie reden nie über diese sieben Monate.

 

Er kann sie nicht dafür hassen, dass sie gegangen ist, er kann es einfach nicht. Er kann auch nicht aufhören, sie zu lieben. Ihre großartige Intelligenz und ihren feinen Humor zu lieben, die Sorgenfalte zwischen ihren Brauen, die Beredsamkeit ihrer schlanken Finger.

 

Mit der Zeit, wird die Liebe vergehen. Bald wird er ihren Duft vergessen, wie sie schmeckt, den Klang ihres Lachens mitten in der Nacht.

 

Dana Scully wird einfach fort sein.

 

 

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Der Gang, der zum Verhörraum führt stinkt nach Urin und Desinfektionsmitteln und nach dem sauren Geruch ungewaschener Körper. Skinner verzog das Gesicht als er den Linoleumboden entlang hastete und begriff, dass Jahre in der Chefetage dafür gesorgt hatten, dass er die Realität des täglichen Einsatzes für Recht und Ordnung vergaß.

 

Der Wachmann öffnete die Tür und er sah Mike McGreavy, angetan mit orange-farbenen Bezirksgefängnis-Kluft, der an dem abgeschabten Tisch saß, als ob er in einer Bar wäre und darauf warten würde, dass sein erstes Bier von der Kellnerin gebracht wird. McGreavy nickte ihm zu und Skinner sah ihn wieder vor sich, den jüngeren Mann mit mehr Haar und weniger Gewicht bei den gelegentlichen Abenden an denen sie sich ein Red Sox Spiel ansahen oder ihre Ehefrauen zum Fisch essen ausführten. Es war fast peinlich, den einst eifrigen jungen Agenten, frisch von der Akademie, als Gefangenen zu sehen. Als Angeklagten.

 

"Walter Skinner," sagte McGreavy mit einer matten Bewegung seiner Hand. "Was bringt dich raus ins schöne Bezirksgefängnis?"

 

Skinner ließ sich auf den quietschenden Metallstuhl nieder. "Vielleicht sollte ich das besser dich fragen."

 

McGreavy fuhr sich mit der Hand durch sein dünner werdendes blondes Haar. "Es ist gar nicht so schlecht im Gefängnis. Talk Shows, drei Mahlzeiten am Tag, es gibt mir Gelegenheit wieder mal zu lesen." Seine Augen sagten jedoch etwas anderes, ebenso wie die Schweißperlen auf seiner Stirn, hier in diesem kühlen Raum.

 

Dies waren die zuversichtlichen Worte eines Mannes der weniger als vierundzwanzig Stunden im Gefängnis war. Um zum Punkt zu kommen, räusperte sich Skinner und fragte: "Möchtest du mir sagen, was hier los war? Warum du dich entschlossen hast, David Mueller zu decken?"

 

Der Stuhl quietschte als McGreavy sein Gewicht verlagerte. "Ich sage dir gar nichts, ohne dass mein Anwalt anwesend ist. Ich kenne die Regeln genauso wie du."

 

"Am Dienstag hast du eine Anhörung vor dem OPC. Was wirst du ihnen sagen?"

 

McGreavy zuckte mit den Schultern, als ob er zutiefst unbesorgt wäre. "Ich werden ihnen sagen, dass Blut dicker als Wasser ist."

 

"Sogar, wenn es um Kinder geht?"

 

Der Gefangene schaute auf den Tisch, sein Körper still.

 

"Mike, ich bin der einzige der dir im Moment helfen kann. Dir steht nicht nur eine Anklage wegen Unterschlagung von Beweismaterial bevor, sondern eine wegen Mittäterschaft bei Mord. Das heißt ein Leben im Gefängnis. Kannst du dir wirklich vorstellen, so den Rest deines Lebens zu verbringen?"

 

Und wieder diese tiefe Stille von seiten des Angeklagten, der auf den Tisch starrte, als gäbe es nichts faszinierenderes auf der Welt.

 

Skinner tippte mit seinem Kugelschreiber auf den Tisch. "Okay, wenn du nicht mit mir redest, mit mir ehrlich bist, dann gehe ich. Ich muss mich der Presse stelle. Deine Taten sind das heißeste Thema und das FBI hat jetzt einen netten kleinen Fleck auf seiner Weste."

 

Er stand, er haßte es im selben Raum mit McGreavy zu sein, haßte den Gestank in der Luft und die schäbige grüne Farbe, die in Fetzen auf dem dreckigen Boden lag. "Eins noch," sagte er, als er sich umdrehte um zu gehen, "war es das wert? Eine Karriere, ein Leben dafür?"

 

McGreavy verzog das Gesicht. "Was soll ich sagen? Es erschien mir damals als gute Idee."

 

Skinner verließ den Raum. Scully's Gesicht erschien vor seinem inneren Auge. McGreavy's Worte hallten in seinem Kopf wieder. 'Es erschien mir damals als gute Idee….'

 

Scully hatte recht, es gab keine Ehrenmänner mehr auf dieser Welt.

 

 

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Der Rest des Tages wurde mit einer Vielzahl von eilige einberufenen Strategiemeetings zugebracht. Meetings mit der Führungsspitze, deren Höhepunkt eine überfüllte Pressekonferenz mit den größten Fernsehanstalten bildete. Er war als Sprecher des FBI auserkoren worden, eine Pflicht, die er aus tiefstem Herzen haßte. Er mochte die grellen Lichter der Kameras nicht, die scharfen Fragen der Reporter, und die Notwendigkeit, so zu tun, als ob alles gut wäre und das FBI alles unter Kontrolle hatte. Alles was er wollte war in den Verhörraum zurückzukehren und Mike McGreavy zu erwürgen.

 

Nach all dem, was er während seiner Zeit beim FBI gesehen hatte, sollte das was McGreavy getan hatte nicht so abstoßen. Verrat war etwas alltägliches in seiner Ecke des Hoover Gebäudes. Aber es stieß ihn ab. Er hatte die Autopsiebilder gesehen, die zerschlagenen und blutigen Leichen der neun Kinder die Mueller mutmaßlich ermordet hatte. Als er durch die Photos blätterte, die unschuldigen, jetzt ausdruckslosen, glasigen Augen sah, da versuchte er sich Scully vorzustellen, wie sie mit ihrem Skalpell an den kleinen Körpern arbeitete. Scully, die diese unfertigen Leben zu Statistiken und Werten auf einem Bericht des Leichenbeschauers reduzierte. Die zarten Hände, die Spuren der Lust auf seiner Brust hinterlassen hatte, wie sie die makellose Haut aufschnitten. Nachdem er die Bilder gesehen hatte, konnte er die Mutlosigkeit der vergangenen Nacht besser verstehen.

 

Und er schämte sich dafür, ihren Moment der Schwäche ausgenutzt zu haben.

 

Um sechs Uhr abends, kehrte er ins Holiday Inn zurück um sich umzuziehen, sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Er hatte Scully den ganzen Tag nicht gesehen, nicht seit sie um fünf Uhr morgens wie ein Dieb aus dem Bett geschlichen war. Mulder war bei der Pressekonferenz anwesend gewesen, aber in der Menge hatte er nur das Notwendigste mit ihm gesprochen.

 

In der hektischen Lobby sah er sie sofort, an einem Tisch an der Seite der Lounge sitzend. Sie trug einen wollenen Rollkragenpullover und schwarze Hosen, ihr Haar war hinter die Ohren gesteckt und sie sah mehr wie eine Bohème-Studentin aus, als eine FBI Agentin. Sie trug ihre Brille und runzelte die Stirn.

 

Mit klopfendem Herzen, rutschte er auf den Sitz ihr gegenüber. "Du siehst fleißig aus," sagte er, weil ihm sonst nichts besseres einfiel.

 

Sie hob den Blick und lächelte ihn an. "Ich fühle mich fleißig. Dieser Roman ist wie ein riesiges Puzzle und ich muss mich echt anstrengen um allem zu folgen und nichts zu übersehen." Es war Nabokov's "Pale Fire", das er gestern Nacht in ihrem Zimmer bemerkt hatte.

 

"Du magst Geheimnisse," bemerkte er.

 

"Das muss ich wohl, denke ich, oder ich hätte mich nicht zu dem Leben entschlossen, das ich führe." Sie lehnte sich verschwörerisch zu ihm. "Ich gebe zu vielen Nancy Drew Büchern als Kind die Schuld."

 

Skinner lachte laut auf. "Ich war süchtig nach den Hardys, obwohl die immer nur Schmuggler gefangen haben. Ich hoffe, dass sie als Erwachsenen DEA Agenten geworden sind."

 

Die Kellnerin, eine plumpe Frau mit einem beachtlichen Turm toupierter blonder Haare kam herüber. "Was kann ich Ihnen bringen, Herzchen?" Fragte sie mit honigsüßer Stimme.

 

"Haben Sie Laphroig?" Fragte er.

 

"Sicher," schmeichelte die Kellnerin.

 

"Das nehme ich dann pur."

 

Die Blonde glitt, ihr Hinterteil schwingend, davon. Scully schnaubte vor Lachen. "Das ist ja eine."

 

"Was trinkst du?" Fragte er.

 

Sie zeigte auf ihre Tasse. "Ich bin brav und trinke nur Kaffee. Ich hatte letzte Nacht genug zu trinken."

 

Skinner war amüsiert darüber, dass man Verlangen und Scham gleichzeitig spüren konnte. Es war zu leicht, sich an den Wahnsinn der letzten Nacht zu erinnern, an das Gefühl ihrer um ihn geschwungenen weichen Arme, an den sanften Rhythmus ihres Atems.

 

Ein leichtes Lächeln lag auf Scully's Lippen als sie sagte, "Gott, Nancy Drew Bücher. Ich habe schon seit Jahren nicht mehr daran gedacht." Sie trank von ihrem Kaffee, der durch die Sahne eine Farbe wie Karamel angenommen hatte. "Als junges Mädchen bin ich am Samstag morgen immer im Bett gelegen und habe die Nancy Drew Bücher aus der Bücherei förmlich verschlungen. Aber es gibt etwas, was mir heute komisch vorkommt, jetzt wo ich alt genug bin alles mit einem analytischen Auge zu betrachten."

 

"Und was ist das?" Fragte er.

 

Für jemanden, der über die Abenteuer von Nancy Drew sprach, war ihr Gesichtsausdruck Ernst. "Nancy wurde immer von den Bösen entführt, normalerweise durch Chloroform betäubt, gefesselt und geknebelt. Meinst du nicht, dass die als Erwachsene ziemlich an Post-Traumatischem Stress-Syndrom litt?"

 

Skinner wollte darauf laut loslachen, aber im selben Moment stellte er sich das Videobild von Scully vor, wie sie im Kofferraum von Duane Barry's Wagen gelegen hatte, geknebelt und die Augen voll Terror. In diesem Augenblick wollte er ihre Hand nehmen, aber er war sich der Risiken zu sehr bewusst. Das Hotel war voll mit Presseleuten und anderen Agenten, Mulder nicht eingeschlossen. Stattdessen fragte er: "Macht es dir manchmal was aus?"

 

 

Sie drehte an ihrer Tasse und sagte: "Sicher, macht es mir etwas aus. Alles macht mir früher oder später etwas aus."

 

"Das tut mir leid."

 

Sie zuckte mit den Schultern. "Dafür habe ich mich entschieden, als ich beim FBI anfing. Ich wollte nie ein einfaches Leben."

 

"Unterbreche ich hier irgendetwas?" Sagte eine männliche Stimme und Skinner und Scully schauten erstaunt zu Mulder auf.

 

Für einen Augenblick musste Skinner Mulder hassen, für die Zeit, die er mit Scully verbringen konnte, für die Leichtigkeit, wie er mit ihr umging.

 

Scully schüttelte den Kopf. "Ich habe gerade Kaffee getrunken und Direktor Skinner war so freundlich mir Gesellschaft zu leisten."

 

"Setzen Sie sich und trinken Sie was," sagte Skinner. "Wir sollten über den Fall reden."

 

Mulder setzte sich und bestellte ein Mineralwasser von der Blondine mit dem tiefen Ausschnitt und schien von ihrem Hintern fasziniert zu sein, als sie von ihrem Tisch zurück in den hinteren Teil der Lounge wackelte. Skinner warf ihm einen Seitenblick zu und fragte sich, ob der jüngere Agent etwas vermutete. Scully war die Ruhe selbst, wie sie an ihrem Kaffee nippte, kein Haar, das nicht an seinem Platz gewesen wäre. Er selbst, auf der anderen Seite, war kurz davor in Schweiß auszubrechen, es war ihm unmöglich, Scully's weiche Haut und das Gefühl ihres seidigen Haares auf seiner nackten Brust zu vergessen.

 

Skinner räusperte sich und sagte: "McGreavy hat seine Kautionsanhörung am Montag morgen und diese wird erwartungsgemäß hoch ausfallen."

 

"Tschüss, Motorboot…" sagte Mulder.

 

Skinner ignorierte seinen Kommentar. "Er muss am Dienstag vors OPC. Ich habe heute morgen kurz mit ihm gesprochen. Die einzige Erklärung, die er abgab war 'Blut ist dicker als Wasser.' "

 

Scully rollte mit den Augen.

 

"Sie beide haben gute Arbeit geleistet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es anderen gelungen wäre, sein sträfliches Verhalten aufzudecken."

 

Mulder und Scully lächelten und sahen etwas verlegen drein, wie immer bei den wenigen Gelegenheiten, bei denen er sie lobte.

 

Skinner erhob sich. "Buchen Sie uns allen einen Flug für morgen früh. Wir sind hier fertig." Er nickt seinen Agenten zu, aber nur ein Gedanke beschäftigte ihn.

 

Würde sie heute Nacht zu ihm kommen?

 

 

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Skinner war mit ein paar von den hiesigen Polizeikräften in einer Barbecue-Kneipe verabredet. Es mochte für Mulder und Scully einfach gewesen sein diese zu ignorieren, aber es gehörte zu seinem Job, Beziehungen aufzubauen und die Informationskanäle offen zu halten.

 

Nach ein paar Stunden in einem Raum voller Zigarettenrauch und dem Geruch verbrannten Schweinefleischs, schmerzte sein Kopf und er kehrte ins Hotel zurück. Er dachte kurz darüber nach, bei Scully anzuklopfen, entschied sich aber schnell anders. Es war eine Sache gewesen, das letzte Nacht zu tun, als er wegen des Falles vorbeigeschaut hatte. Nun war es anders, nun hatte er eine ganz klare Absicht. Er schüttelte seinen schmerzenden Kopf und machte sich auf den Weg in sein eigenes Zimmer, wo er gleich ins Badezimmer ging um zu duschen und ein paar Aspirin zu schlucken.

 

Er lag auf seinem Bett, wartend und sich idiotisch fühlend.

 

Wartend darauf, ob sie kommen würde.

 

In Gedanken spielte er immer wieder jede Nuance, jeden Augenblick des kurzen Gesprächs ab, das er mit Scully in der Lounge gehabt hatte, nach einem Signal suchend, einem Flirten oder der vollen Erkenntnis darüber, was letzte Nacht geschehen war. Zu seinem Leidwesen fand er nichts. Scully war wie immer gewesen, offen, ehrlich, ein kleines bisschen humorvoll. Gram und Sorgen, die ihr zartes Gesicht in der Nacht zuvor überschattet hatten, waren nicht mehr sichtbar.

 

Scully war eine Meisterin darin, sich zu verstellen, er wußte das jetzt. Jetzt verstand er auch, welch reiche Gefühlswelt unter dem sanften Äußeren verborgen lag.

 

Alles führte nur auf eine Frage zurück, würde sie kommen?

 

Er hatte keine Ahnung.

 

Skinner nickte unter dem Gebrüll und Gelaber von ESPN ein. Er träumte kurz, dass er seine rechte Hand ausstreckte und damit die marmorglatte Oberfläche von Scully's Rücken berührte. Im gleichen Moment wurde seine Hand wie von intensiver Hitze versengt, die seinen Arm bis zur Schulter hinaufkroch. Mit einem keuchen fuhr er hoch und blinzelte in die ungewohnte Umgebung seines Hotelzimmers.

 

 

Für einen Moment dachte er, das Geräusch käme von seinem schnell klopfenden Herzen.

 

Nein. Es war ein leichtes Klopfen an der Tür.

 

Es war Scully.

 

 

**********************

 

Teil IV – Vereinigung

 

Ich glaube nicht, dass ich manipuliert werde

Aber etwas zu tun, ohne anders zu können

Als ob durch eigenen Willen

Ist komisch, traurig und doch friedvoll

Während ich so bei Dir liege

Darauf wartend, dass unser Atmen sich beruhigt

Was sind sie – diese glatten, heißen und endlosen Dinge?

Nur weil sie sich berührten

Entspannte sich mein Herz und atmete tief durch

Schauten meine Augen an den sternenlosen Himmel

Hörten meine Ohren Stöhnen, das keine Worte hervorbringen konnte

Und ich war kurz davor zu schmelzen und zu vergehen

Als Du unergründlich sanft und reich wurdest.

Und in die Leere, wo keine Beziehung zu einer Person das aufholt

Dieses wichtigste auf der Welt, das versucht geboren zu werden,

Spurtet aus mir heraus.

In dieser totalen Stille

Was kann ich sagen?

Und so stehe ich einfach in der Dunkelheit auf,

Um mir ein Glas Wasser zu holen

Tanikawa Shuntaro

 

 

Scully stand im Türrahmen, irgendwie eckig in ihrem blauen Wintermantel, eine in Papier gewickelte Flasche in der Hand. "Hallo," sagte sie und schaute furchtlos in seine Augen.

 

"Komm' rein," sagte Skinner und fragte sich, ob er wirklich aus seinem Traum erwacht war.

 

Sie hängte ihren Mantel in den Schrank und nestelte an der Flasche herum, zog sie schließlich aus der Verpackung. "Ich war Wein kaufen, eine Flasche Cabernet. Ich kann nicht sagen wie gut er ist. Little Rock ist irgendwie keine Weinstadt."

 

Seine Hand berührte die ihre kurz, als er ihr die Flasche abnahm und Elektrizität schoss seinen Arm hinauf, so dass er fast die Flasche fallen ließ. "Ich habe keinen Korkenzieher," sagte er.

 

"Dann ist es ja gut, dass ich früher Pfadfinderin war," sagte Scully verlegen. "Ich habe ein Taschenmesser. Nachdem wir uns letzten Herbst in den Wäldern in Florida verirrt hatten, gehe ich nirgendwo mehr ohne es hin."

 

Mit den schnellen Fingern eines Chirurgen öffnete sie die Flasche und schenkte ihnen dann etwas in die dicken Trinkgläser des Hotels ein. Skinner nippte an dem Cabernet. Er war etwas säuerlich, aber alles in allem kein fürchterlicher Wein. "Ich wußte nicht, ob du heute Nacht kommen würdest," sagte er.

 

Sie kam ein bisschen näher, so dass er ihr zitroniges Parfum riechen konnte. "Ich wußte es auch nicht."

 

Er versuchte, sich wenigstens ein wenig zu beherrschen, eine schwieriges Unterfangen, wenn einem das Blut aus dem Gehirn nach Süden schießt. "Dies ist eine gefährliche Situation," sagte er ruhig. "Ich könnte deswegen meinen Job verlieren, Mulder könnte es rausfinden, unsere Feinde…"

 

Mit ihrer weichen, jungen Hand strich sie über seinen Kopf und fasste nach hinten um mit dem Haar in seinem Nacken zu spielen. "Wir können diskret sein," flüsterte sie. "Niemand muss es wissen."

 

Und das war das ganze Problem, dachte er. Er wollte es in die Welt hinausschreien, dass diese beängstigend schöne, überwältigend brillante Frau und hervorragende Geliebte, mit ihm zusammen sein wollte. Wie könnte er einen solchen Triumph, eine solche Freude für sich behalten? Seine Lippen fanden das baby-zarte Fleisch ihres Nackens und er atmete ihren Duft nach Mandeln und Limonen ein. "Ich weiß nicht mal, wie ich dich jetzt nennen soll," murmelte er.

 

Sie bog den Kopf zurück. "Einfach Scully," sagte sie, fast stöhnend als seine Zunge sie hinter dem Ohrläppchen liebkoste. "Nur meine Familie nennt mich noch Dana."

 

Ihre Hände waren damit beschäftigt den Gürtel seines Bademantels zu öffnen und er begriff das dies der Spiegel von letzter Nacht war, als er zu ihr gekommen war, angezogen und sie aus ihrem Bademantel auspackend. Scully zog den Flanell von seinen Schultern und ließ den Mantel zu Boden fallen. Sie keuchte.

 

"Was?" Sagte er und war sich seiner Selbst in seiner Nacktheit bewusst.

 

Sie grinste schelmisch. "Mein Gott, bist du schön."

 

Schön. Sein ganzes Leben war er das nicht genannt worden. Sein Schwanz zuckte erwartungsvoll, als sie mit ihren Fingern über seine Brust strich. Kniend und ihren Mund auf seinen Bauch pressend, sagte sie: "Und wie sollte ich dich jetzt nennen? Walter ist mir so fremd und Sir wäre in dieser Situation doch etwas pervers."

 

Skinner lächelte, seine Nerven gespannt als sie mit der Zunge in seinen Bauchnabel dippte. "Dann Skinner," sagte er und grub seine Finger in ihr leuchtendes Haar.

 

Mit kühlen Händen schob sie seine Shorts nach unten und keuchte wieder. "Oh." Seine Knie gaben nach, als er fühlte wie ihr Mund ihn umschloss. Er musste sich am Schreibtischstuhl festhalten als ihre feuchte Zunge in umkreiste.

 

Mein Gott, war der einzige Gedanke der zu ihm durchdrang als er unfreiwillig die Augen schloss und sich erlaubte, sich dem Genuss ihres Mundes und ihrer flinken Zunge, hinzugeben. Er hörte sich keuchen und schwer atmen und wollte sich nur zurückziehen und sich in ihren Tiefen vergraben, aber er konnte die Stärke nicht aufbringen. Er hielt sich immer fester an dem Stuhl, bis er dachte die Knochen seiner Hand müssten brechen. Das Saugen ihres Mundes verstärkte sich und für einen Moment dachte er, er würde davon ohnmächtig werden. Mit einem tiefen Stöhnen durch zusammengebissene Zähne kam er, eine Explosion von Farben und Tönen die ihn nach vorne stießen und ihn beinahe über der Frau, die vor ihm kniete zusammenbrechen ließ.

 

Widerstrebend öffnete er die Augen und sah sie an, noch immer völlige bekleidet, mit dem Lächeln einer Katze, die den sprichwörtlichen Kanarienvogel gefressen hat. "Hat dir das gefallen?" Fragte sie.

 

Irgendwie fand er die Stärke, sie aufzuheben und auf das Bett zu drängen. "Das fragst du noch?" Knurrte er.

 

Scully streckte die Arme über den Kopf und wand sich wie eine Katze, die eine Schüssel Sahne geschleckt hat. "Ich wollte nur sicher gehen, das ich gewürdigt werde."

 

Skinner kam zu ihre und zog ihr rasch ihren Rollkragenpullover und die Hosen aus, so dass sie nur in einem weißen Spitzen BH und passendem Höschen vor ihm lag. "Jetzt bin ich dran 'oh' zu sagen," flüsterte er, "du bist perfekt." Er öffnete den BH und warf ihn auf die Seite.

 

"Komm' erzähl mir noch ein Märchen."

 

Sein Mund fand ihre erhärteten Brustwarzen von selbst. Er nahm sich Zeit, um jede korall-farbene Spitze mit dem Mund zu erkunden und erfreute sich an jedem lustvollen Stöhnen, welches seine Aufmerksamkeiten auslösten. Scully befreite sich von ihrem Höschen.

 

Als seine Hand ihre Schenkel spreizte und sie bereits feucht vorfand, bog sie sich ihm entgegen. Sie bog den Rücken und seufzte, ein langes Seufzen, aus tiefstem Entzücken. Skinner fuhr mit den Fingern an ihrem schlüpfrigen, seidigen Innern entlang und dachte, dass er fast vergessen hatte, wie sich das anfühlte. Ich habe vergessen, was für ein Wunder eine Frau ist. Mit dem Zeigefinger umkreiste er langsam ihre Klitoris und sie seufzte, "Ja, das ist es…"

 

Er wollte mehr. Er wollte sich in ihr verlieren, wollte sein Gesicht in ihrer Wärme vergraben und dort den Rest der Nacht verweilen, nur um diese wundervollen Geräusche von ihr zu hören. Zwischen ihr kniend, versuchte er ihren Geschmack zum ersten Mal mit der Zungenspitze. Sie war köstlich, köstlicher als der feinste Cognac, reicher als eine kubanische Zigarre, würziger als Curry. Mehr, er wollte noch mehr.

 

Mit Zunge und Fingern betete er ihre Süße an, ihre Säfte kostend wie ein Mann, der seine letzte Mahlzeit einnimmt. Scully's Schreie wurden höher und lauter und mit den Händen hielt sie sich an ihm fest, führte ihn. 'Für immer,' dachte er, 'ich möchte sie für immer glücklich machen.' Dann wurde ihr ganzer Körper plötzlich steif und ruhig und sie kam mit heftigen Kontraktionen die seine Finger umschlossen, die er in ihr vergraben hatte.

 

Allmählich wurden ihre Bewegungen langsamer und mit Bedauern hob er den Kopf. Sie setzte sich auf und fuhr sich mit der Hand durch ihr zerzaustes Haar, ihr Gesicht rosig. "Komm' her," flüsterte sie.

 

Skinner kam zu ihr zum Kopfende des zerwühlten Bettes und ihm wurde klar, dass sie sich noch nicht einmal geküßt hatten. Vertrau' darauf, dass sie beide alles verkehrt herum anfingen. Münder und Zungen trafen sich, nach der Lust des anderen schmeckend, noch immer heiß, noch immer hungrig. 'Ich kann nicht genug von dir bekommen,' dachte er wild, 'was zum Teufel machst du mit mir, Scully?"

 

Zu seiner Freude und Überraschung wurde er wieder hart. Ihre Hand berührte ihn und drückte zu und er biss sie leicht in die Schulter. "Ich bin froh zu sehen, dass du ein Mann bist, der sich in Form hält," sagte sie und beide lachten.

 

Scully griff hastig nach einem Kondom und zog es ihm mit geübten Händen über. "Leg' dich hin," befahl sie und er gehorchte stumm, er genoss die vertauschten Rollen, die sie im Bett spielten. In der reellen Welt war er ihr Vorgesetzter aber in der Abgeschiedenheit des Hotelzimmers war er ihr zu Diensten.

 

Mit einer geschmeidigen Bewegung ihres Körpers war er in ihr und beide keuchten bei der Berührung. Scully saß über ihm, sich sanft bewegend, ihr Mund stand offen und auf ihrem Gesicht war ein Ausdruck des Erstaunens. Langsam, qualvoll langsam bewegte sie sich auf und ab. Es war ihre Art von Folter, dachte er, als sein Mund den ihren wieder fand, aber die schönste, die beste Art von Folter, die er gerne den Rest seines Lebens ertragen hätte. Und wieder kam sie, ihre kleinen Hände an seinem Gesicht, als sie aufschrie. Dieses Geräusch und das Wissen, dass er ihr diese Lust bereitet hatte, waren genug, ihn ebenfalls über den Abgrund und weiter zu stoßen, er biss sich auf die Lippen, wollte die Kontrolle nicht verlieren.

 

'Für immer,' dachte er wieder, als sie sich trennten. 'Dies hier kann nicht enden.'

 

Lange lagen sie beieinander, warteten darauf das ihr Atmen sich verlangsamte.

 

Scully küsste ihn auf den Hals und setzte sich auf. "Ich muss ins Badezimmer," sagte sie, "schenk' uns doch noch etwas Wein ein."

 

Er wurde das Kondom los und ging zum Schreibtisch um den Wein zu holen. Im Dämmerlicht der Nachttischlampe sah er sein eigenes Spiegelbild. Zum ersten Mal seit vielen, vielen Jahren sah er glücklich aus. Er sah zufrieden aus.

 

Die Tür des Badezimmers öffnete sich und Scully kam heraus, prächtig in ihrer üppigen Nacktheit. Sie stand hinter ihm und lehnte ihren Kopf an seinen breiten Rücken. "Danke," flüsterte sie an seiner Haut.

 

Er drehte sich um und sah sie an. "Ich sollte dir danken."

 

Sie nahm eines der Gläser und nippte daran, den Kopf schüttelnd. "Nein, du verstehst nicht. Du hast mich gerettet."

 

"Dich gerettet?" Fragte er und verstand nicht ganz was sie meinte.

 

Scully ging zurück zum Bett und lehnte sich in die Kissen. Sie biss sich auf die Unterlippe, als ob sie grübelte. "Gestern Nacht, da war ich an einem sehr dunklen Ort."

 

Skinner berührte mit den Lippen sachte ihren Haaransatz. "Erzähl es mir," sagte er.

 

In diesem Moment wollte er alles über sie wissen, ihr weibliches Herz kennenlernen.

 

Sie rutschte in eine liegende Position, drehte sich auf die Seite und schüttelte den Kopf. Er legte sich neben sie, so dass sie einander ansahen. "Ich bin nicht gut darin, mich anderen mitzuteilen," sagte sie mit leiser Stimme. "Ich bin einfach nicht gut darin."

 

"Warum versuchst du es nicht?" Er drückte ihre Hand. "Du kannst mir vertrauen, Scully." Und doch erinnerte er sich an die Nacht in Mulder's Apartment, als sie ihre Waffe auf ihn gerichtet hatte und ihm befahl, sich hinzusetzen, Angst und Hass lebendig in ihren Augen. 'Aber das ist lange her,' sagte er sich.

 

 

 

Sie gab einen langen Seufzer von sich und nahm einen weiteren Schluck Wein. "Es war zu früh," sagte sie.

 

"Was war zu früh?" Redete sie von ihnen?

 

"Dieser Fall, die Kinder," sagte sie fast unhörbar.

 

'Emily', dachte er. Ihre Tochter, geschaffen ohne ihr Wissen oder ihre Zustimmung und jetzt schon wieder aus ihrem Leben gerissen. Manchmal fragte er sich, wie sie all das ertrug. Er sah, wie die Mauern um sie herum bröckelten und sein Herz schmerzte ob ihrer Sorgen.

 

Sie sprach weiter, gestärkt durch einen weiteren Schluck Wein. "Ich habe es noch nie gemocht, Autopsien bei Kindern durchzuführen. Der Tod stört mich nicht, es hat mir nie etwas ausgemacht an Toten zu arbeiten, sonst hätte ich die Pathologie nie gewählt. Aber an Kindern zu arbeiten, das ist so… unnatürlich." Scully's Stimme war verzerrt von der Erinnerung an vergangenen Schmerz. "Ich musste gestern eine Autopsie an einem kleinen Jungen vornehmen, einem hübschen Kind. Er sah wie ein Engel aus, friedlich und unschuldig in seiner Ruhe, trotz der Schrammen und des Blutes. Aber als ich ihn aufschnitt, da konnte ich ihr Gesicht nicht aus meinem Kopf kriegen. Noch ein verlorenes Kind." Sie vergrub das Gesicht in den Händen. "Es war einfach zu früh."

 

Skinner beugte sich hinunter und küsste ihre Augenlider, ihr Gesicht. Es überraschte ihn nicht, dass sie nicht weinte.

 

"Es tut mir so leid," sagte er und wünschte sich, er könne bessere, trostspendende Worte finden um sie zu beruhigen.

 

Sie blickte zu ihm auf und blinzelte schnell hintereinander, als ob sie die Tränen zurückhalten wollte. "Nein, mir tut es leid, dass ich dich damit belaste."

 

Skinner knurrte vor Frust. "Verstehst du denn nicht?" Sagte er und strich ihr über den Rücken. "Ich möchte das es für dich normal ist, mir diese Dinge zu erzählen." Im Hintergrund hörte er den andauernden Winterregen ans Fenster klatschen und er zitterte.

 

"Manchmal möchte ich kündigen und einfach fort von all dem hier," sagte sie im dunkeln.

 

Er stütze sich auf seinen Ellbogen. "Warum tust du es nicht?"

 

"Ich weiß es nicht," sagt sie leise, "irgend etwas hält mich. Ich glaube ich bin genauso auf der Suche, wie er es ist. Es gibt Dinge, die ich wissen muß, bevor ich gehe." Sie brauchte ihm nicht zu erklären von wem sie sprach, als sie er sagte. Mulder. Er hatte ihn die ganze Nacht lang vergessen können, aber es gab ihn, nur ein Stockwerk höher.

 

 

Es würde nicht möglich sein, Mulder's Anwesenheit für immer zu ignorieren.

 

"Laß' mich," flüsterte er ihr zu, "laß' mich dir helfen, eine Nacht lang zu vergessen."

 

Vergiß die Kinder, vergiß den Schrecken, vergiß die Dinge, die man ihr angetan hatte. Er wollte, dass sie vergißt, wenn auch nur für eine Weile.

 

Er fragte sich, ob sie, wenn sie an Mulder dachte, jemals an Sex mit ihm dachte. Es war eine Frage, die er nicht zu stellen wagte.

 

Seine Hände griffen nach ihr und sie seufzte an seiner Schulter.

 

 

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Mitten in der Nacht wachte er auf, als er sie weinen hörte. Er lag auf der Seite, hatte ihr den Rücken zugedreht, aber er konnte die leisen, erstickten Schluchzer trotz des klatschenden Regens auf den Scheiben hören. Er wollte sich ihr verzweifelt gerne zuwenden, ihr helfen den rohen Schmerz zu lindern, aber er konnte sich nicht bewegen. Er konnte nicht einfach so in ihre Privatsphäre eindringen, ihre Stärke reduzieren. Er wußte, sie würde ihn dafür hassen.

 

Nach ein paar Minuten wurde das Schluchzen leiser und langsam von gleichmäßigem Atmen abgelöst und auch er schlief ein.

 

Als er am Morgen erwachte, griff er nach ihr, aber sie war fort.

 

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Und jetzt, so viele Monate später fiel es ihm leicht zu erkennen, dass er in dieser Nacht in Little Rock seinen größten Fehler begangen hatte, als sie in seinem Bett geweint hatte und er sich nicht tröstete. Vielleicht, wenn er sie gehalten hätte als sie weinte, dann hätte sich in ihrer Beziehung grundlegend etwas geändert, wäre vielleicht etwas persönlicher geworden. Wäre vielleicht in ihren Augen mehr geworden, als nur Sex und Freundschaft.

 

Das härteste, was ein Mann tun muss, ist zuzugeben, dass seine Liebe nicht erwidert wird. Er kann hoffen, dass die Liebe eines Tages kommt, aber wenn sie so einseitig ist, dann ist das wie Folter.

 

Sieben Monate lang hatte er darauf gewartet, ob sie lernen würde ihn zu lieben, so wie er sie liebte.

 

Sich mochte ihn, sie respektierte und vertraute ihm, aber die Liebe kam nie.

 

 

 

 

Er hatte geduldig gewartet, bis sie ihm dann eines Tages die Liebe zu dem anderen gestand. Sie saß auf ihrer Couch, nie zuvor gesehene Tränen strömten über ihr Gesicht und sie nickte, als er sie fragte ob sie Mulder liebe.

 

Er hatte nie auch nur eine Sekunde daran gezweifelt, dass dieser Moment kommen würde. Von Anfang an, auf dem Weg nach Hause nach Washington D.C. hatte er gewußt, dass seine Träume zerschlagen werden würden.

 

 

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Teil V – Vorwärts gehen

 

Reiche mir Enzian, gib' mir eine Fackel!

Laß' mich mich führen, mit der blauen Fackel dieser Blume

Die immer dunkleren Treppen hinunter, wo das Blau mit Blau verdunkelt wird

Sogar da, wo Persephone geht, nur jetzt, aus dem kühlen September

In das unsichtbare Reich wo die Dunkelheit über das Dunkle wacht

Und Persephone nichts als eine Stimme ist

Oder eine Dunkelheit, unsichtbar eingehüllt in die tiefere Dunkelheit

Der plutonischen Arme, und durchstochen von Leidenschaft dichter Dunkelheit

In der Pracht der Fackeln der Dunkelheit, die Dunkelheit auf die verlorene Braut und ihren Bräutigam werfen.

D.H. Lawrence

 

 

Im Flugzeug, lehnte Skinner seinen Sitz zurück, so weit es ging, schloß seine Augen und gestattete es sich, zu träumen.

 

Er dachte an eine unmögliche Zeit und Dimension, wo es irgendwie kein Verbrechen war, Scully zu lieben. Sein Traum entfaltete sich vor seinen müden Augen in beruhigenden Pastellfarben, so dunstig und nur teilweise geformt, wie ein Gemälde von Bonnard oder Monet und genauso schön.

 

In seinem Wachtraum würde Scully das FBI verlassen und eine Stelle in einem Krankenhaus annehmen, eine, die sie nachts schlafen lassen würde. Er würde sie bitten ihn zu heiraten und sie würde ja sagen, sie würde ja sagen; es würde eine kleine Zeremonie geben, sie in einem einfachen weißen Seidenkleid, eine Gardenie ins Haar gesteckt. Ein gemeinsames Leben, ein ganzes Leben geteilt, in Reichtum wie in Armut, in guten wie in schlechten Zeiten, in Gesundheit und Krankheit, bis das der Tod sie schiede. Sie würden sich lieben, ein Haus kaufen, vielleicht ein oder zwei Kinder haben. Er war noch nicht zu alt zum ersten Mal Vater zu werden. Er sah einen kleinen Jungen vor sich, mit dunklem Haar und ihren hellen Augen, der am Abend auf ihn zulief und nach Apfelsaft und Keksen duftete. Er wollte seine verbleibenden Jahre an ihrer Seite verbringen, bis er starb, die sanfte Berührung ihrer Hand um seine geschlossen.

 

 

Skinner war ein Mann, der fest im Reich der Realität verankert war. Er war kein phantasiereicher Mann, aber nur einmal erlaubte er sich zu träumen, zu hoffen.

 

Er wollte doch wirklich nicht zu viel.

 

Er fragte sich, ob er wieder anfangen solle, zu beten. Er hatte schon lange nicht mehr gebetet, seit Vietnam nicht mehr, wo er seinen Glauben irgendwo im Dschungel von Da Nang verloren hatte. Er versuchte eine Minute zu beten und kam sich dumm vor, das hier im Flugzeug zu tun, wie ein Mann der Angst hatte, das Flugzeug würde abstürzen. Dies war nicht die richtige Zeit um wieder damit anzufangen.

 

Er öffnete die Augen und starrte aus dem Fenster auf die Wolken unterhalb des Flugzeuges, erstaunt über die Vielzahl an Emotionen, die in durchfuhren. Durch Scully fühlte er alles, alles auf einmal. Sie hatte die einzigartige Gabe, ihn sich lebendig fühlen zu lassen, als er schon sicher war, das ein Teil in ihm tot und verschwunden war. Er fühlte sich wieder wir der junge Mann, der auf dem Parkplatz gestanden hatte und Sharon dabei zugesehen hatte, wie sie sich die Schneeflocken aus dem Haar zupfte.

 

Später, ging er nach hinten zur Toilette. Sieben Reihen hinter ihm saßen Mulder und Scully. Mulder hatte seine Brille auf und laß etwas, was wie ein Psychologie Journal aussah. Rechts von ihm, auf dem Fensterplatz, Scully, die Kopfhörer aufhatte und mit ihrem Kopf auf Mulder's Schulter eingeschlafen war.

 

Skinner blieb vor den beiden Agenten stehen. Mulder sah von seiner Lektüre auf und lächelte verlegen. "Sie macht das öfter im Flugzeug," sagte er und fuhr sich mit der Hand durch sein dickes, braunes Haar. "Scully haßt es, zu fliegen und sie nimmt zwei Schlaftabletten, legt sich eine Mozart-CD ein und verpennt die ganze Sache."

 

"Ich verstehe," sagte Skinner und bemerkte, das auf der Armlehne, Mulder's größere Hand über Scully's lag. Er hatte Mühe seine Augen abzuwenden und sich auf den Weg zur Toilette zu machen, die Gott-sei-Dank frei war.

 

Als er die Tür hinter sich schloß, gaben Skinner's Knie unter ihm nach und er glaubte kurz, dass er sich übergeben würde. Ein leichter Schweißfilm brach auf seiner Stirn aus.

 

Was für ein Narr er doch war, von Scully zu träumen.

 

Er mochte derjenige sein, de ihre Aufmerksamkeit und ihren Körper besaß, aber er konnte sehen, dass ihre Seele in Wirklichkeit Mulder gehörte. Es war schwierig zu erklären, wie er nur durch das Bild, das Mulder und Scully im Flugzeug abgaben, so sicher sein konnte, aber er war es. Etwas in der Art wie Scully an der Schulter ihres Partners schlief, so vertrauensvoll und verletzlich, sagte ihm alles. Und irgendwie gab es auch nichts zu erklären, er wußte es einfach.

 

Er seufzte besiegt, als er sich die Hände in dem winzigen Waschbecken wusch.

 

Zurück an seinem Platz, schwor er sich, dass er das beste aus jedem Moment machen würde, den er mit ihr verbringen durfte, schließlich verstand er ganz klar, dass es nur eine Frage der Zeit sein würde. Dann setzte er sich auf und schaute wieder auf die vorüberfliegenden Wolken. Nein, dachte er, ich werde das nicht zulassen. Es kann nicht passieren. Ich werde bis aufs Blut und bis zum bitteren Ende kämpfen, sie wird mich lieben.

 

Wenn die pure Willenskraft etwas geschehen lassen könnte, dann würde es war werden. Sie würde ihn lieben.

 

 

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Er geht vor seinem Wohnzimmerfenster auf und ab und beobachtet wie die frühherbstliche Abenddämmerung in goldenen und roten Tönen über den Himmel fällt, mit Purpur, das an einigen Stellen durchkommt. Er kann nicht glauben, dass er den ganzen Tag damit zugebracht hat, über sie nachzugrübeln, anstatt, wie sonst immer einfach zu viel zu arbeiten.

 

Vor dem Fenster flüsterte er: "Ich habe dich geliebt, Scully."

 

Bisher hat er noch nie die Vergangenheitsform benutzt. Es schmerzt ihn auch jetzt, aber er weiß, dass es Zeit ist loszulassen.

 

Er wendet sich vom Fenster ab und geht nach oben, um sich für seine Verabredung mit Caroline Lohmann umzuziehen, einer Frau, die er in der Musikabteilung von Barnes & Noble kennengelernt hat. Sie hatten beide nach der selben Ausgabe von "Don Giovanni" gegriffen und das hatte damit geendet. dass sie bald beim Kaffee eine angeregte Diskussion über Maria Callas geführt hatten. Als sie sich nach einer Stunde trennten, fragte sich ihn ob er Single war, heterosexuell und ob er mit ihr zum Abendessen gehen wolle.

 

Auf alle drei Fragen antwortete er mit ja.

 

Sie ist überhaupt nicht wie Scully, denkt er, während er sich ein frisches Hemd anzieht und die passende Krawatte aussucht. Caroline ist groß, schmal, mit dunklem, lockigen Haar, das ich bis an die Schultern reicht, zweiundvierzig Jahre alt und geschieden, mit einer zehnjährigen Tochter. Sie ist Kunstgeschichteprofessorin an der Georgetown Universität und sie lachte herzlich, als sie herausfand, dass er FBI Agent war.

 

Er kennt nur die grundlegendsten Fakten über Caroline, wie das Skelett der lebenden Person, aber er möchte mehr herausfinden. Er glaubt, dass er jetzt dafür bereit ist.

 

Angezogen und fertig auszugehen, schaut er noch einmal aus dem Fenster. Der Mond ist voll und golden und wirft die Schatten der Bäume auf den Gehsteig. Es ist eine schöne Nacht zum spazieren zu gehen.

 

Er atmet tief ein, macht zwei Schritte vorwärts und geht.

 

 

ENDE