Zwei Stimmen - Two Voices

von Dasha K. (dashak@visi.com)

 

Deutsche Übersetzung von DanaK35 (DanaK35@yahoo.com)

 

 

Zwei Stimme im dunklen Schlafzimmer, langsam in den Schlaf gleitend.

 

"Bist du müde?"

 

"Nein."

 

"Komm' näher."

 

Er liegt auf der Seite, benommen vom körperlichen Kontakt, zählen seine Finger träge ihre Wirbel. Benommen vor Nähe zu ihr. Sie atmet mit einem leichten Seufzer aus, kein trauriges oder unzufriedenes Seufzen, sondern ein nachdenkliches. Im Dunkel der Nacht, im Hintergrund der Regen, der auf die Scheiben klopft, lächelt Mulder.

 

'Liebe ist etwas seltenes Mulder. Gehen Sie weise damit um. Hören Sie auf, Zeit zu verschwenden.'

 

Diese Worte drehen sich in seinem Kopf im Kreis, immer und immer wieder, unendlich. Skinner's tiefe Stimme, die diese Worte sagt, in einem Ton, den er sonst anwendet, wenn er zurechtweist oder befiehlt. 'Gehen Sie weise damit um.'

 

 

Der Verkehr war nervtötend gewesen, stockend an einem Samstag abend in der Stadt. Es schien, als ob alle aus den Außenbezirken sich entschieden hätten, den regnerischen Sommerabend in Georgetown zu verbringen, für Drinks oder zum Dinner, aber er war nicht wegen der Unterhaltung hier.

 

'Gehen Sie weise damit um.'

 

Skinner's Gesicht war ruhig und ernst gewesen, als er Mulder ungefragt diesen Rat gab, seine Augen ausdruckslos hinter der Metallbrille. Und doch, Mulder hörte diese drei, kurzen, abgehackten Sätze und wußte alles. Er vermutete sogar, wann es angefangen hatte. Während dieser schrecklichen Zeit in Little Rock.

 

Mulder knallte seine Hand aufs Lenkrad und fluchte auf den Fahrer des Trucks, der sich alle Zeit der Welt nahm, um aus einer Parklücke auszuparken.

 

Er versuchte, sich die beiden vorzustellen. Skinner und Scully, alleine, zusammen, und konnte es nicht. Er glaubte es, ja, wer wußte jetzt sogar, daß es wahr war, aber er konnte es sich nicht vorstellen. Wieder einmal ein Fall von Verdrängung, sagte er sich selbst und trat aufs Gas, nachdem der Truck sich nun endlich bewegte.

 

 

 

Little Rock. Kalter Regen war acht Tage ununterbrochen gefallen und alles fühlte sich feucht und modrig an. Die Laken im Hotel, die frisch aus der Wäscherei kamen, erschienen einem nie recht trocken, ebenso wie seine Kleidung.

 

Es war einer der schlimmen Tage gewesen. Scully hatte den Nachmittag damit verbracht eine Autopsie an dem letzten Opfer vorzunehmen, einem Jungen mit blauen Augen und engelhaften blonden Locken. Sie war aus dem Obduktionssaal gekommen, ihr Kittel blutverschmiert, und hatte ausgehöhlt und besiegt ausgesehen. Mulder lehnte gegen die grün gestrichene Wand und wartete auf sie.

 

Scully verhielt und betrachte ihn von der gegenüberliegenden Wand aus. Ihr Kopf hob sich und sie sah ihm in die Augen. "Erwürgt, geschlagen und vergewaltigt, wie die anderen. Fünf Jahre alt." Sie machte auf dem Absatz kehrt und ging lebhaften Schrittes den Gang hinunter, um zu duschen und sich umzuziehen.

 

Sie nahmen ein schnelles Abendessen bei einem Chinesen nahe des Holiday Inn ein, aber keiner von beiden war wild auf ein Gespräch oder auf das Essen.

 

Die Worte haben uns am Ende auch verlassen, dachte er, wir können uns nicht einmal mehr gegenseitig hören, durch das hohe Winseln der Qual, das in unseren Ohren hallt.

 

Durch tiefen Schmerz hindurch, begriff er, daß und Scully sich nie ferner gewesen waren.

 

Ich möchte ihr geben, was sie braucht, dachte er als er auf dem Teller mit dem Ingwer-Hühnchen mit seinen Eßstäbchen rumstocherte. Ich möchte mit ihr Lachen, mit ihr tanzen gehen, ich möchte ihr Blumen bringen, die ich aus einem fremden Garten stibitzt habe, nur um ihr freudiges Lächeln zu sehen. Ich möchte mit ihr nach Hause gehen die Türe schließen können und den Horror für eine Nacht draußen lassen.

 

Aber ich kann nicht. Ich bin zu müde. In letzter Zeit habe ich kaum die Kraft für mich, geschweige denn für sie.

 

 

Zurück im Hotel, standen sie vor ihrer Tür. "Nun, ich werde ins Bett gehen," sagte sie ohne Augenkontakt zu ihm herzustellen, sondern über seine Schulter an die Wand hinter ihm starrend.

 

 

 

"Werden Sie schlafen können?" Fragte er, sich an ähnlich schreckliche Nächte in der Vergangenheit erinnernd, als sie versucht hatten, den Schmerz mit geschmacklosen Filmen im Kabelfernsehen oder ein, zwei Bieren aus der Minibar zu betäuben. Das war vor ihrem Krebs gewesen, vor Emily, vor seiner Schwester, vor der Brücke bei Skyland Mountain. Bevor sie einander an die Trauer verloren hatten.

 

Scully schaute auf und erschien plötzlich älter als ihre vierunddreißig Jahre. "Nein, ich werde nicht schlafen, nicht heute Nacht," sagte sie und zog entschlossen die Tür hinter sich zu.

 

In seinem eigenen Zimmer, weiter unten am Gang, setzte er sich auf den Rand des Bettes und vergrub sein Gesicht in den Händen. 'Ich habe versagt,' dachte er, 'sie brauchte meinen Trost und wieder einmal habe ich versagt. An ihr versagt.'

 

Und erst als er unter dem harten Strahl der Dusche stand, kam ihm endgültig der Gedanke. 'Ich liebe sie,' dachte er und fragte sich, warum er bis heute Nacht unfähig gewesen war, das zu sehen. 'Sie lag auf ihrem Totenbett,' sagte er sich, 'ihr Leben rann buchstäblich aus ihrem Körper, und du konntest diese Tatsache nicht erkennen.' 'Man könnte es meine Legasthenie in der Liebe nennen,' dachte er bei sich, 'ich mache es immer falsch.'

 

Als er das Badezimmer verließ, fragte er sich, ob er zu ihr gehen sollte, den Versuch wagen, sich von seinem eigenen Schmerz zu befreien und sie zu trösten. 'Nein,' seufzte er. Heute Nacht hatte er einfach nicht die Kraft dazu.

 

Er schwor sich, morgen alles zu ändern.

 

Natürlich änderte sich nicht viel.

 

 

Monate später, nervös in seinem Auto im Verkehr steckend, verstand er, welchen Fehler er damals in Arkansas gemacht hatte. Scully hatte Trost gefunden, sie fand einen Strohhalm, an den sie sich klammern konnte. Nur nicht in ihm. In Skinner.

 

 

Skinner hatte ihm ein Geschenk gemacht mit seinen Worten, ein Schlag ins Gesicht um Mulder anzutreiben und ihn aus seinem selbstgewählten Koma aufzuwecken. Oh Gott, und er bewunderte Skinner dafür, für diese Art von Mut und noblem Denken. Er hätte diese Worte nicht sagen müssen, hätte sich selbst nicht so offenbaren müssen.

 

Scully, was hast du an dir, daß zwei Männer vor dir in die Knie zwingt? Sind es deine klaren Augen, die ihre Unschuld und Hoffnung nicht verlieren, nicht einmal nach all dem was du gesehen und erlebt hast? Deine tiefe, melodische Stimme, die mehr verspricht, als man sich vorstellen kann? Deine unbeirrbare Loyalität?

 

Er erreichte ihr Apartment und fand Wunder über Wunder einen Parkplatz weiter unter an der Straße. Er parkte und stellte den Motor ab, blieb aber sitzen und lauschte auf das Trommeln des Regens auf dem Autodach.

 

 

Vor nur einer Nacht, hatte er in der eleganten Heiterkeit von Scully's Wohnung gesessen und die Art bewundert, wie sie sich einen Schlupfwinkel vor dem Chaos ihres täglichen Lebens geschaffen hatte. Es gab nichts im Raum, das darauf hingewiesen hätte, daß sie FBI-Agentin war, weder Ordner noch Papiere lagen herum, wie bei ihm zu Hause. Wenn er am Ende eines Arbeitstages heim kam, dann erinnerte ihn alles an seine Suche, seine Verantwortung für Samantha die Wahrheit zu finden.

 

Er und Scully hatten am Tisch im Eßzimmer gesessen, an einer Pizza nagend, während sie versucht hatten, ihre Spesenabrechungen zu sortieren, und doch hatte er sich glücklich gefühlt, weit weg von den Schrecken der Reise. Die Neville Brüder hatten irgendwo im Hintergrund gesungen und eine Vase mit Irisblüten war auf dem Tisch gestanden, beruhigend in ihrer Normalität eines von der Dunkelheit unberührten Lebens. 'Dies ist mein zu Hause,' hatte er gedacht und nach einem weiteren Report auf dem Stapel gegriffen, 'hier komme ich her, wenn ich Frieden finden möchte.'

 

Ihm war die Ironie dessen bewußt geworden, daß er seit Monaten nicht mehr hier gewesen war.

 

Scully war in jener Nacht anders gewesen, ohne ihre harten Kanten, ohne den spröden Schmerz, der von ihrem Körper in Wellen auszuströmen schien. Ihr Gesicht frei von Make-up und ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengefaßt, hatte sie so jung und weich ausgesehen, wie am ersten Tag, als sie in sein Büro marschiert war. Mulder hatte aufgeschaut auf und gelächelt und sie hatte zurück gelächelt. Er hatte vor Erleichterung weinen mögen. Vielleicht würde ja doch noch alles gut werden.

 

Viel später, war er aufgewacht, sein Kopf auf der Armlehne der Couch ruhend. Er hatte ein Gewicht gegen seinen Körper gepreßt gefühlt, Scully, schlafend an ihn gelehnt. Die Intimität dieses Moments hatte auf seiner Haut geprickelt. Ihr Kopf war gegen seine Schulter gelehnt gewesen und er hatte den Duft ihres Haars und von Mandeln wahrgenommen. Ihre Seife?

 

Er war plötzlich von dem Verlangen erfüllt gewesen, sie aufzuheben und in ihre Schlafzimmer zu tragen, sich neben ihr auszustrecken, nicht für Sex, sondern um ihr Nahe zu sein. Um ihren Atem zu hören und ihren Rücken an seiner Brust zu fühlen, wie er sich hob und senkte. Seufzend erkannte er die Unmöglichkeit dieses Szenarios. Scully würde sicherlich aufwachen und ihm einen Tritt versetzen, der seinen traurigen, pathetischen Hintern bis nach Alexandria befördern würde.

 

'Scully, wachst du jemals mitten in der Nacht auf und willst mich?'

 

'Wachst du auf, enttäuscht, daß es nur ein Traum wahr?

 

'Wie schmeckst du?'

 

Langsam hatte er sich aufgesetzt, so daß ihr Kopf auf den vielen Kissen am anderen Ende der Couch gebettet blieb. Sie hatte etwas gemurmelt, aber ihr Atem war gleichmäßig und tief geblieben. Nach ein paar Minuten, in denen er gefürchtet hatte, sie würde aufwachen, war er neben Scully's schlafende Form gekauert und hatte mit seinem Zeigefinder ihr Kinn berührt. Sie hatte sich nicht bewegt.

 

Im Dunkel des Wohnzimmers hatte er sich den Kuß gestohlen, von dem er so lange geträumt hatte, den zu geben er aber nie den Mut gehabt hatte. Nur ein leichtes Berühren ihrer beiden Lippen, zurückhaltend und kurz. Scully hatte sich nicht bewegt, aber der Moment war dennoch süß gewesen. 'Dornröschen,' hatte er gedacht, 'macht mich das zu ihrem Prinzen?' Wenn es nur ein Märchen wäre.

 

Er hatte seine verkrampften Beine ausgestreckt und sich so gut es ging am anderen Ende der Couch zusammengerollt. Er war mit einem Lächeln auf den Lippen eingeschlafen. Es war so einfach gewesen.

 

 

'Es ist Zeit, den Tatsachen ins Auge zu sehen,' dachte er im Auto und versuchte, sich auf den entscheidenden Moment vorzubereiten. Mulder verließ das Auto und schaute in den Regen, ließ es zu, daß das Wasser in kleinen Bächen an ihm herunterlief. 'Eine Taufe,' dachte er, 'jetzt bin ich gereinigt. Es ist Zeit mein Leben neu zu beginnen.'

 

Zuversichtlichen Schrittes, machte er sich auf den Weg zu Scully's Gebäude.

 

 

 

Zwei Stimmen in einem dunklen Schlafzimmer, die Leidenschaft für den Moment beiseite geschoben.

 

Ihre Stimme ist weich. "Mulder, es tut mir leid."

 

Er dreht sein Gesicht weg von ihrem Haar. "Es muß dir nicht leid tun. Bereue es nicht." Er fragt sich kurz, wann er so reif geworden ist.

 

"Wir, wir müssen versuchen gut zueinander zu sein," sagt sie. "Wir müssen aufhören, Spielchen zu spielen, aufhören im Alleingang zu arbeiten, sondern gemeinsam."

 

Seine Finger finden ihre immer noch erhärteten Brustwarzen und er umkreist sie, sein Bewußtsein erholt sich noch immer von Erstaunen und Erleichterung. "Ich denke wir arbeiten ganz gut zusammen."

 

Dies veranlaßt sie zu einem kehligen Lachen.

 

Er muß die Frage stellen, nur einmal. Wenn er es weiß, dann kann er es hinter sich lassen. "Scully, hast du ihn geliebt?"

 

Sie dreht sich abrupt um, ihr Gesicht nahe an seinem. "Ich wollte es," sie hält nachdenklich inne. "Ich habe versucht es mir vorzumachen, aber es hat nicht geklappt."

 

"Skinner ist ein guter Kerl," flüstert er und erschauert ein bißchen, als er den Namen ausspricht.

 

Scully nickt. "Was er für dich getan hat, was er für uns getan hat, war tapfer."

 

"Das ist typisch für ihn." Der Mann verkaufte seine Seele an den Mann, der dem Teufel auf Erden am nächsten kommt, nur um Scully zu retten. "Er liebt dich, nicht wahr?"

 

Sie sagt darauf nichts, sondern fährt mit den Fingern durch Mulder's Haar, was kleine Funken im Dunkeln auslöst, helle Blitze knisternden Lichts. 'Wir sind wie Magnete,' denkt er, 'positiv und negative geladen, angezogen durch unsere Gegensätze. Jetzt wo wir uns so nahe gekommen sind, kann nichts uns mehr auseinanderbringen.'

 

Er ist schockiert darüber, wie hoffnungsvoll sich das anhört.

 

Endlich, spricht Scully: "Mulder, das einzige was zählt, ist dass ich dich liebe."

 

Er lächelt ob ihrer Worte. Sie liebt ihn, das soll einer verstehen. Es wird möglicherweise ein Leben lang dauern, aber er hat sich vorgenommen, ihrer Liebe würdig zu sein.

 

Sie beginnen sich wieder zu lieben, langsam diesmal. Wenn das erste Mal, daß ihre Körper sich aneinander entzündeten einem Großbrand gleichkam, so ist dies ein langsames, kontrolliertes Feuer. Scully reitet seinen Körper und sie bewegen sich in gewissenhafter Zurückhaltung, seufzend im gemeinsamen Genuß. Dieses Mal kann er auf die Nuancen ihres Liebesspiels achten, ihre sanften Laute, als sie ihn in sich aufnimmt, die Art wie ihr Schamhaar das seine berührt, die total Vollständigkeit eines mit ihr zu sein.

 

Es ist wie eine Taufe, ein Geständnis. Scully hat ihm seine Sünden vergeben und er ihr ihre. Jetzt sind sie geläutert und können versuchen, ein neues Leben anzufangen.

 

In der Dunkelheit des Schlafzimmers werden zwei Stimmen zu einer, als sie vor Lust aufschreien.

 

END