Cleopatra

von Dasha K. (dashak@visi.com)

 

Deutsche Übersetzung von DanaK35 (DanaK35@yahoo.com)

 

 

Sie liegt auf dem Rücken auf dem Wohnzimmerboden, umgeben von Kerzen. Es stehen genug davon herum, um es wie eine Totenwache, eine Séance erscheinen zu lassen. Vielleicht ist es das.

 

'Heute ist der erste Tag vom Rest Deines Lebens,' sagt sie sich, der Versuch in dieser Phrase, ein bißchen Trost zu finden. Sie hofft verzweifelt, dass sich hieraus etwas Gutes ergeben wird.

 

Durch das offene Fenster hört sie die Grillen und ein paar Autos, die vorbei rumpeln. Irgendwo in der Ferne kann sie das kleinste Echo eines Donners hören, ein Sommersturm, der sich im nahen Virginia zusammenzieht. Der Raum scheint zu leben, voll statischer Energie und als sie sich kurz aufsetzt um die CD von Mahler zu Chopin zu wechseln, knistert ihr Haar, als sie sich vom Teppich erhebt. Sie kann die Aufladung entlang ihrer Arme und Beine spüren, und das macht sie nervös. Heute Nacht ist sie ist am Rande etwas großem.

 

Ihr fällt auf, dass sie den ganzen Tag im Bademantel verbracht hat, wie eine verwirrte 50-er Jahre Hausfrau, total auf Valium und billigem Wein. Sie ist einer der Frauen, die sich schämen, wenn sie anders als vollständig angezogen allein zu Hause beim Frühstück sitzen. 'Das Nebenprodukt eines Vaters, der beim Militär war,' überlegt sie.

 

'Dies hier ist ernst,' denkt sie, ihre Arme über ihrem Kopf ausgestreckt, 'ich liege auf dem Boden, in Bademantel und Hausschuhen, wartend.'

 

' Wartend auf was?' Sie ist sich nicht sicher. Ein paar Antworten, vermutet sie. Etwas substantielles, das sie in Händen halten kann.

 

'Es war so verführerisch', sieht sie ein, 'die Liebe eines guten, eines ehrenhaften Mannes.' Skinner ist extrem loyal, ein Mann, der den Unterschied zwischen Gut und Böse klar versteht, jemand der nicht nur Schwarz und Weiß sieht, sondern all die Stufen von Grau, die dazwischen liegen.

 

 

Eine dunkle Nacht, in einem weiteren Hotelzimmer dieses Mal in Little Rock. Sie, zusammengekauert auf dem Bett, wie sie versucht hatte, die zarten blonden Locken des Jungen zu vergessen, dessen Autopsie sie an diesem Tag durchgeführt hatte. So viele Leichen, so viele unschuldige, verloren, durch die Hände eines Wahnsinnigen. Sie hatte genug gehabt. Und dann war Skinner gekommen und hatte sie auf seine Art gerettet.

 

 

 

 

Sie haßt es gerettet zu werden, sie ist ihr eigener Herr, unabhängig von jedem Mann, aber er, er kam herein und brachte seine Selbstsicherheit, seine Sicherheit in den beengenden Raum und dieses eine Mal, griff sie nach der Sicherheit. Die Sicherheit seiner Arme, seines Mundes. Seine Macht, die sie die Scheußlichkeiten, derer sie Zeuge geworden war, vergessen ließ und sie dazu brachte zu lächeln.

 

 

Aber es war für sie dennoch eine schwarzweiße Liebe. Brillante, scharf definierte Gefühle, aber sie will in Farbe lieben. Sie will die volle Palette leuchtender Farben. Sie hat zuviel durchgemacht, hat sich selber zu viel verweigert um sich jetzt mit weniger zufrieden zu geben.

 

 

Die vergangene Nacht war auf ihre Art wundervoll, eine einfache Nacht, mit Paella in der Sicherheit ihrer Wohnung. Aber es gab diesen Moment, als sie zu Skinner blickte, der gerade damit beschäftigt war einen Jumbo-Shrimp zu häuten, in dem sie die grundsätzliche Ungerechtigkeit der Situation erfaßte. Er dachte, sie würden etwas aufbauen, eine Verschmelzung zweier Seelen zu einer einzigen und sie, sie nahm es einfach Tag für Tag, Nacht für Nacht, jede für sich. Interessante Gespräche, Respekt und Zuneigung, phantastische, die Erde erschütternde Zeiten zusammen im Bett. Wenn sie versuchte ein Jahr in die Zukunft zu schauen, in ihre gemeinsame Zukunft, dann sah sie nur einen grauen, undefinierten Fleck vor ihren Augen.

 

'Du mußt es beenden,' hatte sie gedacht und der hölzerne Löffel den sie gehalten hatte, viel scheppernd zu Boden. 'Du wirst in umbringen, wenn du so weiter machst.'

 

Sie erinnerte sich selbst daran, dass sie ihm nie irgendwelche Versprechungen gemacht hatte, um den sauren Geschmack der Schuld loszuwerden.

 

 

Sie sieht Skinner's Gesicht vor sich, als sie ihm sagte, dass es vorbei ist, die Art, wie sein harter Körper plötzlich schlaff zu werden schien. Es ist ein Bild, dass immer in ihrem Gedächtnis bleiben wird, das sie zusammen mit den anderen Dämonen verfolgen wird.

 

Es blitzt und sie setzt sich überrascht auf. Der Sturm ist da. Zeit eine Frau zu sein und der unleugbaren Wahrheit ins Gesicht zu sehen, die Schichten der Verdränung zurückzuschlagen, die sie verdecken.

 

Melissa hatte sie einst im Scherz Cleopatra genannt, Königin des Verdrängens.

 

Es war niemals einfach für sie, in sich zu gehen und die Wünsche ihres eigenen Herzens zu hinterfragen. Jetzt ist die Zeit genau dies zu tun. Jetzt oder nie.

 

Sie weiß schon, was die sprichwörtliche andere Seite der Medaille zum Vorschein brachte. Vor zwei Tagen war Mulder bei aufgetaucht, mit Peperoni Pizza, einem Sixpack englischen Biers und einer Box voll mit Spesenberichten, die er für ein Bugdet-Meeting zusammensuchen mußte. Es war eine ganze Weile her gewesen, seit er bei ihr in der Wohnung gewesen war und sie hatte fieberhaft alle Spuren von Skinner's Anwesenheit beseitigt. Sie stellte das Telefon ab und die Lautstärke des Anrufbeantworters auf minimal. 'Noch mehr Lügen durch nichts sagen,' dachte sie sich damals.

 

 

Als der halbe Abend bereits vorbei war und sie und Mulder sich im Spaß über irgendwelche fehlenden Motelrechnungen stritten, bemerkte sie, dass sie sich wieder auf einem Level des gegenseitigen Verständnisses befanden, der ihnen seit beinahe einem Jahr gefehlt hatte. Sie verstand nun, dass sie irgendwie über den Schmerz hinweg waren, der die Grundlage ihrer Freundschaft zerstört hatte und jetzt wieder Mulder und Scully waren, stichelnd, sich gegenseitig ärgernd und flirtend wie früher. Sie lächelten sich sogar zu. Erleichterung flutete über sie, Erleichterung darüber, dass das dünne Band zwischen ihnen wieder bestand.

 

Später vergaßen sie ihr Projekt zugunsten eines Videos. Ermattet, durch die späte Stunde und zwei Biere, schlief sie neben Mulder auf der Couch ein. Als sie wieder erwachte bemerkte sie die beeindruckenden Farben des Sonnenuntergangs der durch die Jalousien sichtbar war. Ihr Kopf ruhte auf Mulder's Schulter, ihrer beider Beine berührten sich unter der blauen Decke. Vorsichtig, um ihn nicht aufzuwecken, schlüpfte sie unter ihm hinweg und starrte auf sein im Schlaf friedliches Gesicht.

 

Er war der Schlüssel. Mulder war der Grund, warum sie sich nicht ganz Skinner hingeben konnte. Sie erstickte ein Keuchen ob dieser Erkenntnis und fragte sich, warum sie so unfähig, so unwillig gewesen war, das offensichtliche vorher zu erkennen. Nicht Skinner war der Mann für sie. Es war Mulder. Irgendwie war er es schon immer gewesen.

 

'Ich möchte das nicht,' dachte sie und ihre Muskeln verspannten sich. 'Ich habe die Liebe eines guten Mannes, der mich niemals verletzten wird, der immer für mich da sein wird.'

 

'Aber kannst du ihm deine Liebe geben?' Sie seufzte. Sie wollte es, wollte es mehr als alle Reichtümer dieser Erde, mehr als die Wahrheit, aber sie erkannte auch, das etwas zu Wollen nicht notwendigerweise bedeutet, dass es auch passiert.

 

Sie wollte es einfach haben. Skinner liebte sie, und sie liebte ihn.

 

Sie stand von der Couch auf und ging ins Schlafzimmer, sie wagte nicht noch einmal den Mann anzusehen, der auf ihrer Couch träumte. Als sie unter ihre geblümte Bettdecke schlüpfte, fragte sie sich wann ihr normales Leben zu einer verdammten Seifenoper geworden war.

 

 

Der Sommersturm ist nun mit voller Kraft angekommen, der Regen schlug mit stetigem Trommeln an die Fenster. Die Kerzen flackern in der leichten Brise und geben dem Raum ein fast unheimliches Aussehen mit tanzenden Schatten an den Wänden. Der tropische Geruch des Regen überdeckt die feineren Düfte von Vanille und Bienenwachs und sie atmet tief, saugt den erregenden Duft des Gewitters ein.

 

Dies ist die perfekte Nacht um sich zu lieben, zwei Körper, verschlungen im aufblitzenden Licht des Gewitters, im Rhythmus des fallenden Regens sich bewegend. Sie stellt sich seinen Mund auf ihrem Körper vor, wie er über ihre Brustwarzen gleitet, wie gierige Finger ihre geheimsten Stellen berühren. Es ist so leicht es sich vorzustellen, zu leicht seinen muskulösen Rücken unter ihren Händen zu spüren, seine Haut zu riechen, das Gefühle seiner Bartstoppeln an ihren Wangen, den leicht süßen Geschmack seiner Zunge in ihrem Mund.

 

Es ist nicht Skinner den sie sich in dieser regnerischen Nacht in ihrem Bett vorstellt. Es ist Mulder. Mulder wie er sich nahe an ihr bewegt, erhitzte Haut an erhitzter Haut. Neben ihr, auf ihr und in ihr. Ihr Keuchen, als er in sie eindringt und sie ausfüllt, ihre gemeinsamen Schreie der Lust als die Spannung zwischen ihnen ansteigt. Ihre Hände die nach seinen Schultern greifen, als sie ihn immer tiefer in sich spürt, sie beide endlich vereint. Sich liebend.

 

Es macht sie traurig daran zu denken, dass sie früher Sex hatte, wundervollen, leidenschaftlichen Sex, aber nie zuvor einen Mann wahrhaft GELIEBT hat. Sie hatte ihren Körper gegeben und es niemals auch nur einen Moment bereut, aber niemals hatte sie ihr Herz, ihre Seele gegeben.

 

Sie sehnt sich danach.

 

Stellt sich Mulder das gleiche vor? Irgendwie weiß sie, dass er das tut, dass er ihren Körper in seinem Bewußtsein gezeichnet hat, sich die Lust vorgestellt hat, die sie beide erleben könnten.

 

Ihre Hand gleitet unter den Baumwollstoff ihres Bademantels und sie ist nicht überrascht über die Erregung, die sie feucht und bereit gemacht hat. 'Gratuliere, Mulder,' denkt sie und lächelt, 'du schaffst es mich über Meilen hinweg zu erregen.' Es braucht nicht viel um hier auf dem Boden den Höhepunkt zu erreichen, mit ihrer Phantasie, die mit jedem Streicheln ihrer Finger reeller wird. Begleitet von Chopin und dem rollenden Donner kommt sie mit einem Schrei und ihr Phantom-Mulder verläßt sie und läßt sie zufrieden und aufgewühlt zurück. Allein.

 

Sie setzt sich auf, irgendwie beschämt ob ihrer Phantasien und fragt sich, ob Mulder sie wirklich so sehr will, wie sie ihn. 'Doch,' sie schüttelt den Kopf, 'er tut es.' Jetzt kann sie endlich klar sehen, sie weiß, dass es wahr ist. Irgendwie hat sie es immer gewußt.

 

Oh, Cleopatra was hast du getan?

 

Im Bad wäscht sie sich das Gesicht und putzt sich die Zähne. Sie möchte ihr eigenes Gesicht im Spiegel nicht sehen. Heute morgen hat sie ein Herz gebrochen und sie kann es nicht ertragen, dieser Frau in Gesicht zu sehen.

 

'Skinner wird es überleben,' sagt sie sich trotzig, 'er ist stark, voll innerer Stärke.' Es wird schwer sein, ihm auf beruflicher Ebene zu begegnen, aber das kommt davon, wenn man mit dem Boss schläft. Irgendwie werden sie darüber hinweg kommen. Sie sind schließlich erwachsene Menschen.

 

Und Mulder, was soll sie mit ihm anfangen? Sie geht zurück ins Wohnzimmer und legt sich auf die Couch, auf die regennassen Fenster starrend. Sie weiß nicht warum, aber plötzlich fühlt sie sich glücklich. Glücklich darüber, endlich ihr Herz erkundet zu haben. 'Hast ja auch lange genug dazu gebraucht,' hört sie Melissa sagen. Sie nickt. 'Ja, das habe ich.'

 

Ein Klopfen an der Tür läßt sie hoch schrecken. Ein Klopfen, das sie nur allzu gut kennt. Sie zieht den Bademantel fester um sich und versucht, ihr zerzaustes Haar zu glätten, dann geht sie zur Tür, fühlt sich, als ob sie unter Wasser gehen würde.

 

Sie reißt die Tür auf und ihr Blick fällt auf Mulder, Regentropfen auf seinem Mantel und Haar. Mit einem Schritt ist er bei ihr und dann sind sie in einem Kuß gefangen, einem Kuß so heftig und hart, dass sie sich fragt ob sie jemals wieder zu Atem kommen wird.

 

Mulder läßt sie los und schaut sie intensiv an, schwer atmend. Sie kann den Ausdruck auf seinem Gesicht nicht genau deuten. "Warum hast du mir nichts gesagt?" Fragt er mit rauher Stimme.

 

Sie hat Schwierigkeiten ihre Sprache nach diesem Kuß wiederzufinden. "Laß' uns reden," sagt sie und führt in ihr Apartment.

 

ENDE