Alles, nur sie nicht (Everything But The Girl)

von Dasha K. (dashak@visi.com)

 

Deutsche Übersetzung von DanaK35 (DanaK35@yahoo.com)

 

 

Skinner lehnt sich in seinem Stuhl zurück und dreht seinen Kopf zum Fenster, müßig die Lichter des Verkehrs auf der Straße unten betrachtend. Er nimmt die Brille ab und reibt sich die Augen, müde, aber nicht bereit aufzustehen und nach Hause zu fahren.

 

Er möchte nicht nach Hause gehen. Nicht jetzt.

 

Die Führungsetage ist still an diesem Samstag abend, fast unheimlich still. Nur entferntes Rumpeln der Klimaanlage und gelegentliches Klingeln eines Telefons. Sein eigenes Telefon ist abgeschaltet.

 

Er greift nach der Flasche Glenfiddich, die in einer Schublade versteckt liegt. Er trinkt nicht während der Arbeit, aber manchmal... manchmal gibt es Gelegenheiten, wenn ein Drink eine Notwendigkeit ist. Er öffnet die Flasche, gießt ein paar Zentimeter in seine Kaffeetasse und nimmt einen tiefen Schluck. Das sanfte Feuer des Scotch Whiskys erfüllt seinen Mund auf seltsam tröstende Weise.

 

An diesem Morgen noch, wachte er auf und die Sonne schien durch ihre Fenster. Was für ein schöner, weiblicher Raum, mit goldenen Wänden und gerahmten Drucken von Blumen, die Luft erfüllt vom Duft ihrer Vanillekerzen. Sie lag nicht neben ihm, aber das beunruhigte in nicht. Sie die Frühaufsteherin, machte sicher schon Kaffee oder nahm eines ihrer langen, faulen Bäder, ihr Körper in duftenden Schaum gehüllt.

 

Die Erinnerung an die letzte Nacht brachte ein Lächeln auf sein Gesicht. Er war zu ihr gefahren, eine Tüte voller Lebensmittel unter dem Arm, um ihr beizubringen, wie man echte Paella macht, etwas das er vor lange Zeit auf seiner Hochzeitsreise gelernt hatte. Passenderweise hatte sie eine CD von Jessye Norman's "Carmen" aufgelegt und sie verbrachten Stunden in ihrer kleinen Küche, und schnitten und mixten Seite an Seite.

 

Irgendwann um 10:00 war die Paella fertig und sie machten Witze darüber, dass sie jetzt echte Spanier wären, die erst so spät am Abend aßen. Sie öffneten eine Flasche Rioja und machten ein Picknick auf dem Fußboden des Wohnzimmers, wo sie sich gegenseitig kleine Stücke Shrimps und Muscheln fütterten und darüber lachten, was für eine Unordnung sie mit all den Schalen und dem Reis machten.

 

Und ihr Kuß, er erinnerte sich an den Kuß, als sie sich über die Teller beugte und ihre Zunge sich in seinen Mund schob, nach Safran und Wein schmeckend. Er war ganz romantischer Held gewesen und hatte sie auf Händen in ihr Schlafzimmer getragen.

 

 

Sie gab ihm das Gefühl, ein galanter Ritter zu sein.

 

Sie brachte diesen Charakterzug in ihm zu Tage, von dem er gar nicht gewußt hatte, dass er existierte.

 

Skinner kletterte aus dem Bett, fand seine auf dem Boden verstreuten Kleider, und zog Shorts und T-Shirt an, er fühlte sich noch nicht sicher genug, in ihrem Apartment nackt herumzulaufen. Im von hellem Sonnenlicht erleuchteten Wohnzimmer, sah er sie auf der Couch sitzen, ihr Rücken ihm zugewandt. Alles was er erkennen konnte war ihr leuchtendes, rotes Haar und ihre Schultern, von einem Bademantel verhüllt.

 

Ihre Schultern zuckten krampfhaft und für einen wilden, hoffnungsvollen Moment, dachte er, sie würde lachen, bis er erkannte, dass sie weinte.

 

'Nein' dachte er.

 

Er trat hinter sie und berührte leicht ihre Schulter. Erschrocken drehte sie sich herum und er sah, dass ihre blauen Augen rot und glänzend von Tränen waren. Ihr Mund öffnete sich, aber kein Ton kam heraus. Er stand nur da, unfähig Worte zu finden.

 

"Es tut mir leid", flüsterte sie und ein paar Tränen rollten ihre Wange hinunter. Es war schwer für ihn, sie weinen zu sehen. Sie war so außergewöhnlich stark, hatte sich so unter Kontrolle.

 

"Ich kann das nicht mehr", sagte sie und wischte sich mit einem zusammen geknüllten Papiertuch über das Gesicht. "Es reicht nicht."

 

Er nickte. 'Das ist es', dachte er, 'ich wußte, dass dieser Tag kommen würde."

 

"Es liegt nicht an dir," seufzte sie und ihre Augen waren voller Bedauern.

 

"Ich weiß," antwortete er. Er ließ sich neben sie nieder, und nahm eine Strähne ihres seidigen Haares zwischen seine Finger. Er fühlte sich unbeholfen und dumm. 'Warum konnte er nicht irgendwas wichtiges und wundervolles sagen, in so einem Moment?'

 

Eine lange Minute des Schweigens verging zwischen ihnen, in der keiner den anderen anschaute. Dann endlich hatte er den Mut zu fragen: "Es liegt an ihm, nicht wahr?"

 

Ihr Gesicht blieb ruhig und sie nickte nicht wirklich, aber die leichte Neigung ihres Kinns war genug als Antwort. Er streckte seine große Hand aus und legte sie über ihren kleine, weiße. "Du liebst ihn." Es war keine Frage, eher eine Feststellung.

 

Und wieder, eine kleine Neigung ihres Kinns als Bestätigung.

 

 

Er stand auf, schwerfällig und plötzlich aller Energie beraubt.

 

Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen und murmelte: "Es tut mir leid."

 

Er bückte sich leicht und küßte sie auf den Scheitel. Wenn überhaupt, dann würde er sich nobel verhalten. "Ja, mir auch!" Er drehte sich um und ging zurück ins Schlafzimmer, um seine Kleider zu holen.

 

Als er es wieder verließ, saß sie nicht mehr auf der Couch. Er konnte das Plätschern der Dusche hören, und ihr Schluchzen trotz des laufenden Wassers. Es erschien ihm wie eine Ewigkeit, bis er die Wohnungstür erreicht hatte und sogar noch länger, um sie mit einem klaren, endgültigen Laut hinter sich zu schließen.

 

 

Heute Nacht kann er sie nicht hassen, er kann nicht ärgerlich mir ihr sein. Gott weiß er würde gerne. Es ist so einfach, sich verletzt zu fühlen und so zu handeln. Er ist sich mehr als bewußt, dass er die Unterbrechung von etwas war, dass sich schon lange Zeit entwickelt hatte. Er kann auch den anderen nicht hassen, fühlt er doch eine seltsame Zuneigung und Respekt für Mulder. Seine Hartnäckigkeit bei seiner Suche nach der Wahrheit ist wirklich zu bewundern.

 

Aber es macht es nicht leichter, diese Dinge zu wissen. Es sorgt nicht dafür, dass es weniger weh tut.

 

 

Später am heutigen morgen, als er in seine eigene Wohnung zurückkam, verbrachte er eine lange Zeit damit, auf dem Rand seines ungemachten Bettes zu sitzen, auf dem eines der Kissen, noch den Abdruck ihres Kopfes zeigte. Auf dem weißen Bezug lag eines ihrer golden schimmernden Haare und er konnte sich nicht dazu bringen, es vom Kissen zu picken und wegzuwerfen. 'Sie hat hier geschlafen', dachte er, 'sie hat hier geschlafen und ich habe sie geliebt.'

 

Dann endlich stand er auf und ging ins Badezimmer. In der Dusche fand er ihre Mandelseife. Noch ein letztes Mal roch er daran, inhalierte das süße Aroma, dann nahm er sie mit in die Küche und warf sie ohne weiteres in den Mülleimer.

 

 

Es klopft zögernd an seine Tür und er schaut auf, erschrocken und betend, dass es nicht sie ist. Er kann ihr noch nicht gegenüber treten, obwohl er weiß, dass er es irgendwann während der Woche wohl tun muß. Aber statt dessen betritt Mulder das Büro, in Jeans und T-Shirt gekleidet, einen schweren Ordner bei sich.

 

"Ich habe Ihr Licht gesehen und dachte, ich bringe den Carrey Fall, während Sie da sind," sagt der Jüngere.

 

"So spät noch bei der Arbeit, Mulder?" Skinner's Herz rast.

 

Mulder zuckt etwas kläglich mit den Schultern. "Ich habe kein besonderes gesellschaftliches Leben, Sir."

 

Er versucht zu lachen. "Ich auch nicht."

 

Mulder geht zum Schreibtisch und legt den Ordner hin. "Nun, hier ist er. Ich muß gehen." Er dreht sich um, um das Büro zu verlassen.

 

Skinner setzt seine Brille wieder auf und ruft ihm hinterher: "Agent Mulder."

 

"Ja, Sir?"

 

Skinner fällt plötzlich ein, dass Mulder nicht einmal weiß, was er für ein Glück hat.

 

"Darf ich Ihnen einen persönlichen Rat geben?" Er setzt sich aufrechter hin, wird ganz Vorgesetzter, und findet so den Mut zu sagen, was er als nächstes sagen wird.

 

"Sicher." Mulder steht da, erwartungsvoll.

 

"Liebe ist etwas seltenes, Mulder, gehen Sie weise damit um. Hören Sie auf Zeit zu verschwenden." Skinner kann selbst nicht glauben, dass er ihm das sagt, aber es sind Worte, die gesagt werden müssen.

 

Mulder schaut ihn verwirrt an, dann breitet sich Verständnis auf seinem gutaussehenden Gesicht aus. "Danke für den Tip," sagt er gleichmütig, seine Stimme undurchsichtig. "Ich werde mich sicher daran halten."

 

Skinner lehnt sich in seinem Stuhl zurück und winkt verabschiedend. "Das ist alles."

 

Mulder wirft ihm ein peinlich berührtes Lächeln zu. "Gute Nacht." Und dann ist er weg.

 

'Gehen Sie weise damit um!' Denkt Skinner.

 

Es ist untypisch für ihn so großzügig zu sein. Er ist sehr territorial, verteidigt sein Eigentum mit Leidenschaft. Aber sie war nie sein, er weiß das. Sie war nichts, was man besitzt, sondern ihre eigene Person. Völlig. Es war klar das die Wahl eines Tages getroffen werden mußte, und sie hat sie getroffen.

 

Er wußte immer, wen sie wählen würde.

 

Das heißt nicht, dass er sie deswegen weniger liebt. Er respektiert sie dafür, dass sie bis zum Ende ehrlich war.

 

 

 

Das erste Mal war für sie beide eine Überraschung. Eine eiskalte, regnerische Nacht in Little Rock, Arkansas, Mulder und Scully draußen bei einem schrecklichen Fall, auf der Suche nach einem Mörder, der kleine Jungen bevorzugte. Skinner war am späten Abend hingeflogen, Teil einer Sonderkommission, die mögliche Unterlassungen des dortigen Büros überprüfen sollte. Er hatte sie allein in ihrem Hotelzimmer angetroffen, klein und verloren in ihrem Bademantel.

 

Ihr verletzliches Äußeres verwirrte ihn jedoch nicht. Er wußte genau, woraus diese Frau gemacht war.

 

Mulder war schon in seinem Zimmer weiter unten am Gang zu Bett gegangen, und Skinner betrank sich langsam mit ihr mit Wodka aus der Minibar. Plötzlich fühlte er dieses verrückte, schreckliche Verlangen, dass für Jahre in ihm verborgen gewesen war, und unternahm den möglicherweise gefährlichen Schritt sie zu küssen. Er war überrascht, das sie seinen Kuß mit dem gleichen Fieber erwiderte.

 

Nachdem sie sich schnell und rauh geliebt hatten, legte sie sich auf die Seite und berührte sein Gesicht sacht mit ihrer warmen Hand. "Ich kann dir nichts versprechen, Skinner," sagte sie und sah ernsthaft und jung aus.

 

"Ich weiß" antwortete er nur.

 

 

Aber ihre Warnung hielt ihn nicht davon ab, in den Abgrund zu fallen. Er konnte nicht anders, es war eine reflexartige Reaktion. Ich lebe, ich atme, ich liebe Dana Scully.

 

Er fragt sich, ob er jemals deswegen weinen wird. Wann hatte her das letzte Mal echte Tränen vergossen?

 

Er trinkt den letzten, medizinischen Schluck Scotch aus und steht auf, streckt seine schmerzenden Schultern, den Rücken. Heute Nacht fühlt er sich alt.

 

Genug nachgedacht für eine Nacht, es ist Zeit, nach Hause zu gehen.

 

Doch irgendwo in seinem Bewußtsein stellt er sich vor, wie Mulder in ihr Apartment fährt. Sie öffnet die Tür in ihrem blau-weiß gestreiften Bademantel. Sie bedeutet ihm hereinzukommen und setzt sich neben ihn auf die Couch, wo sie sich in dieser andersartigen, codierten Sprache unterhalten, die nur sie beide teilen. Gewisse Dinge sind entschieden.

 

Er weiß, dass es das ist, was heute Nacht passieren wird.

 

Er schließt die Tür hinter sich ab und macht sich auf den langen Weg die Halle zum Aufzug hinunter.

 

ENDE